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Lifestyle | 23.03.2019

Selfies, Likes & Hashtags

Faszination Instagram: Was steckt dahinter? Wir haben drei Tirolerinnen gefragt, warum sie ihr Leben mit der ganzen Welt teilen.

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Sarah Eppacher postet viele Bilder, die sie in der freien Natur und beim Sport zeigen. (Foto: liebreizend)

Fotos vom letzten Urlaub, beim Sport oder vom heutigen Outfit: Die App Instagram ist bunt und vielfältig. Aber worin liegt der Reiz, sein Leben via App online zu stellen, und wie echt ist das, was online gezeigt wird? Wir haben uns Instagram genauer angeschaut und mit drei Tirolerinnen gesprochen, die sich auskennen.

Einblicke. Sarah Eppacher trifft sich mit uns in ihrem Büro. Die 29-Jährige ist seit rund einem Jahr selbstständig und teilt sich mit anderen Freiberuflern ein Office in der Innsbrucker Innenstadt. Auf Instagram postet Sarah unter dem Namen, unter dem sie auch ihren Blog führt: Liebreizend. Ihr Account hat fast 8.000 Follower, also 8.000 andere Instagram-Profile, die verfolgen, was die junge Innsbruckerin macht beziehungsweise was sie von ihrem Leben preisgibt.

Sonnenseiten. Auf dem Instagram-Profil von Sarah finden sich zahllose Fotos der 29-Jährigen, viele beim Sport oder auf dem Berg: professionelle Bilder, meist von Sarahs Freund Stefan Ager aufgenommen, einem Freerider und Filmproduzenten. Sie zeigen stets eine traumhafte Kulisse, tolles Wetter und ausschließlich glückliche Menschen. Für Sarah stellt diese heile Welt auf ihrem Profil kein Problem dar: „Man will den perfekten Tag sehen. Wenn ich nur ungestellte Bilder posten würde, würde mir wahrscheinlich niemand folgen.“ Auch sei sie überzeugt, dass viele wissen, dass das Leben nicht immer nur so ist wie auf den Fotos – auch wenn sie nicht jedes Mal zeigt, wie sie zwölf Stunden am Stück am Schreibtisch sitzt.

 

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Die 23-jährige Julia Carina Payr postet auf Instagram unter „juliexpayr“ schon seit einigen Jahren. (Foto: juliexpayr)

Jetzt mal ehrlich. Mit ihren Storys – Bilder oder Videos, die für 24 Stunden abrufbar sind –  möchte die 29-Jährige ihrem Profil den notwendigen Schuss Realität verpassen, und sie zeigt dort auch mal, wenn Dinge schiefgehen oder ein Tag nicht wie aus dem Bilderbuch ist. Und so beschwert sich Sarah online manchmal auch ganz unverblümt über ihren Freund oder thematisiert Probleme wie Kopfschmerzen oder ein zu niedriges Kreditkartenlimit. Wie viel man erzählt, müsse jeder für sich selbst entscheiden, erklärt uns Sarah, aber sie selbst sei generell ein sehr offener Mensch und rede auch im echten Leben gerne und viel. Die Frage, wie sie bei so viel Aufgeschlossenheit mit Kritik umgeht, drängt sich auf. „Es gibt Momente, in denen ich mich frage, ob ich zu viel preisgebe. Auch weil mir schon Leute geschrieben haben, wen das interessieren soll. Aber mittlerweile habe ich ein dickes Fell bekommen und antworte dann auch ganz deutlich, dass mir niemand folgen muss.“

Rückmeldungen. Kritik kam auch schon von der eigenen Familie: „Als ich in einer Story über meine starken Regelschmerzen sprach, konnte meine Mutter nicht verstehen, wie man das im Internet erzählen kann. Ich jedoch denke, dass gerade auch Themen, die nicht nur positiv sind, angesprochen werden sollten. Durch ehrliche und authentische Storys werden wir erst nahbar.“ Richtige Hasskommentare sind für Sarah bis jetzt aber eine Seltenheit geblieben, auf die sie bewusst nicht eingeht: „Als jemand unter mein Bild schrieb, ich sei hässlich, löschte ich diesen Kommentar gleich – das muss nicht sein.“ Positives Feedback bekam die 29-Jährige vor Kurzem sogar auf der Straße, als ihr eine Followerin erzählte, dass sie gern bei ihrem Profil reinschaue. Regelmäßig in der Öffentlichkeit erkannt werden will Sarah allerdings nicht. „Auch wenn ich gern mehr Reichweite hätte, nichts mehr unerkannt machen zu können ist sicher nicht leicht.“

 

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Susanna Schillfahrt widmet sich mit „susannaamarie“ Fitness und ausgewogener Ernährung. (Foto: susannaamarie)

Neugier stillen. Doch warum interessieren wir uns eigentlich für das Leben von Personen, die wir kaum oder manchmal sogar gar nicht kennen? Eine Frage, die wir auch der Frau hinter „liebreizend“ gestellt haben. „Ich würde sagen, das ist eine Art Big-Brother-Phänomen. Wir wollen alle wissen, was der Nachbar den ganzen Tag macht, haben Interesse daran, wie andere Leute ihr Leben auf die Reihe bekommen. Die Storys auf Instagram liefern uns diese Infos auf dem Silbertablett.“ Manchmal fühlen wir uns mit diesen Fremden dann verbunden, denn man folgt ja oft Menschen, die ähnliche Ziele haben oder ähnliche Probleme.“ Auch Inspiration sei ein Thema, um das sich alles in der Online-Welt dreht: „Als ich meinen Job kündigte und den Schritt in die Selbstständigkeit wagte, verfasste ich einen Blogbeitrag, der zu einem meiner meistgelesenen Beiträge wurde. Ich glaube, viele fanden das spannend oder hegen auch den Wunsch, ihrer Leidenschaft nachzugehen.“

Immer online? Aber Erfolg auf Instagram hat auch seinen Preis: Er kostet ziemlich viel Zeit. Sarah gibt zu, sicher drei Stunden pro Tag am Handy zu verbringen. Früher sogar noch mehr: Die 29-Jährige postete ihr erstes Bild bereits aus dem Bett, ein bis zwei weitere folgten über den Tag verteilt. Außerdem kommentierte sie eine bis eineinhalb Stunden täglich Fotos von anderen, um auf sich aufmerksam zu machen. „Irgendwann merkte ich, dass sich der Zeitaufwand nicht rechnet. Außerdem kann es nicht gesund sein, sich so viel Selbstbestätigung aus einer App und Likes zu holen. Deshalb habe ich den Fokus wieder umgestellt.“ Das Ziel heute ist, einmal pro Tag ein Bild zu posten und täglich Storys hochzuladen. Wenn aber mal einen Tag lang nichts passiert, spürt Sarah dies zwar an den Nutzungszahlen, nervös macht es sie aber längst nicht mehr.

 

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Sarah Eppacher folgen auf ihrem Profil „liebreizend“ fast 8.000 Accounts. Vor rund einem Jahr hat sich die Innsbruckerin selbstständig gemacht. (Foto: Charly Schwarz)

Aktiv. Viel Zeit mit Instagram verbringen auch die Tirolerinnen Susanna Schillfahrt und Julia Carina Payr. Susanna hat auf ihrem Profil „susannaamarie“ rund 17.000 Follower, Julias Account „juliexpayr“ über 21.000. Den großen Zuspruch erklären sich die jungen Frauen ganz einfach, wie Julia näher erklärt. „Wir sind beide schon in jungen Jahren gestartet und versuchen, hochwertige Fotos zu posten, die wir mit der Kamera machen. Außerdem kommentieren und liken wir auch viel bei anderen Profilen.“  Wichtig sei es auch, einen gewissen Mehrwert zu bieten.

Im Mittelpunkt. Bei der 22-jährigen Susanna liegt der Fokus ihres Profils, genauso wie bei ihrem Blog www.susannamarie.at, ganz klar auf Fitness und ausgewogener Ernährung. „Ich habe ein paar Follower, die wegen mir mehr Sport machen oder mehr auf die Ernährung achten – das macht selbstverständlich stolz.“ Julia hingegen bezeichnet ihr Profil als klassisches Lifestyle-Profil. Auf ihrem Blog www.fulltimelifeloverblog.com arbeitet sie mit vielen Hotels, vor allem im Wellnessbereich, zusammen, und selbstverständlich landen auch viele Fotos davon auf ihrem Instagram-Profil. Gerade wenn es um Wellness geht, sieht sich die 23-Jährige als Inspirationsquelle und erzählt, dass sie häufig um Urlaubstipps gebeten werde.

 

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Ungefähr dreimal pro Woche postet Julia Carina Payr ein neues Bild für ihre 21.000 Follower. (Foto: juliexpayr)

Sunny side up. Angesprochen werden die beiden auch im echten Leben, vor allem abends beim Ausgehen – ein Gefühl, das sich für die jungen Frauen nicht leicht einordnen lässt. „Ich finde das manchmal schon etwas gruselig. Du weißt ja nicht mal den Namen der anderen Person, während er oder sie relativ gut über dich Bescheid weiß“, gibt Susanna offen zu. Trotzdem: Auf die Frage, ob es denn nicht ihr Ziel sei, dass andere sehen, was sie machen, antworten beide einstimmig: auf jeden Fall. Allerdings sei immer zu bedenken, was man preisgibt. Die 23-jährige Julia gibt sich hier sehr zurückhaltend: „Negative Dinge können oft falsch interpretiert werden und machen angreifbar. Ich will niemanden runterziehen und erzähle lieber etwas Positives.“ Auch Susanna sieht hier Schwierigkeiten: „Negatives richtig zu formulieren ist ein schmaler Grat – ich will nicht jammern, und es soll auch nicht nach ‚fishing for compliments‘ aussehen.“ Dass so nicht immer das reale Leben gezeigt wird, ist den beiden klar.

Vorhang auf. Als Beispiel nennt Susanna ihren Ausflug zum Pragser Wildsee, einer beliebten Kulisse für Instagrammer. „Auf den Bildern glaubt man, der einzige Mensch dort zu sein, doch in echt waren außer mir noch fast 300 andere da und haben ebenfalls Fotos geschossen – online wird hier ein komplett falsches Bild gezeigt“, erzählt die junge Frau aus Imst. Trotz dieses Bewusstseins sorgen die Fotos aus einer perfekten Welt nicht nur für gute Stimmung, wie Julia ehrlich erklärt: „Wenn ich einen Tag lang nichts unternehme und nur zu Hause bin, nutze ich Instagram bewusst weniger. Es beeinflusst mich schon, wenn ich sehe, dass jeder außer mir scheinbar einen coolen Tag hat.“

 

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Die 22-jährige Susanna Schillfahrt will andere inspirieren, gesünder zu leben. (Foto: susannaamarie)

Im Scheinwerferlicht. Um Inhalte zu produzieren, shooten beide auch häufig in der Öffentlichkeit. Während Susanna das Posen vor Fremden schon mal unangenehm finden kann, ist es für Julia quasi „part of the deal“: „Natürlich möchte ich jetzt nicht 30 Minuten vor dem Goldenen Dachl stehen und shooten, aber ich denke immer daran, was ich bereits erreicht habe. Außerdem sehe ich Instagram auch als meinen Nebenjob.

Eine Frage der Authentizität. Ein Nebenjob, mit dem sich auch Geld verdienen lässt. So trudeln täglich Kooperationsanfragen ein, doch längst nicht alle werden angenommen: „Ich lehne sicher 80 Prozent ab, weil ich für bestimmte Produkte wie Diätpillen keine Werbung machen will“, erklärt Susanna und fügt hinzu: „Manchmal werden wir gefragt, Kooperation nicht als Werbung zu kennzeichnen. Das ist für mich total unauthentisch und undenkbar, auch weil ich Angst hätte, abgemahnt zu werden.“ Julia sieht das ähnlich: „Ich muss mich mit dem Produkt identifizieren können und auch dahinter stehen. Wenn sich Follower dann für Produkte interessieren, die ich empfehle, sollten sie auch wissen, dass ich dafür bezahlt werde.“

Inspirationsquelle. Wenn die beiden gerade nicht selbst Inhalte produzieren, schauen sie sich auch gern andere Profile an. Immerhin geben beide an, täglich eine Stunde die App zu nutzen. „Die Zeit vergeht schnell, gerade wenn jemand in einer Story viel erzählt, und manchmal bin ich selbst überrascht, wie lange ich auf Instagram online war“, lacht Susanna. Julia erzählt weiter: „Auch wenn mich niemand jetzt so brennend interessiert, dass ich alles über diese Person wissen muss, lasse ich mich gern von anderen Profilen inspirieren, die ähnliche Interessen zeigen.“

Unter Einfluss. Auch wenn es für die jungen Frauen auf Instagram sehr gut läuft, eine Karriere als Influencer sei nicht geplant – auch weil die Berufsbezeichnung längst keinen guten Ruf mehr hat. „Vielen denken, Influencer sind faul und bekommen alles umsonst. Außerdem kann jeder seine Geschichte erzählen, und wenn ich damit auch nur eine Person erreiche, beeinflusse ich diese – und bin somit quasi schon Influencer“, erklärt uns Susanna. Die beiden Tirolerinnen sehen sich eher als Bloggerinnen. Instagram und auch der Blog seien nur einer von vielen Bereichen in ihrem Leben, und so soll es auch bleiben.