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Lifestyle | 25.09.2018

Mit Pferden schritthalten

Was Führungskräfte von Pferden lernen können und warum Druck Gegendruck erzeugt? Die TIROLERIN hat ein Führungskräfteseminar der anderen Art getestet. Und interessante Einblicke gewonnen.

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© Birgit Pichler

Glaub daran, dass sich das Pferd in Bewegung setzt. Dass es mit dir gemeinsam läuft. Du bist der Chef. Du musst davon überzeugt sein, dass es macht, was du willst“, sagt Sonja Embacher. Ich hole tief Luft, lasse den Strick locker, konzentriere mich, schaue nach vorne, vertraue auf das, was kommt, und laufe langsam los. Das Pferd beginnt zu traben. Ein Aha-Erlebnis der besonderen Art. Noch Minuten zuvor waren alle Versuche, den Vierbeiner vom Schritt zum Traben zu bewegen, kläglich gescheitert. Das intuitive festere Ziehen am Strick führte nur dazu, dass die Stute ganz stehen blieb. „Druck erzeugt Gegendruck. Wie bei Mitarbeitern“, erklärt Embacher. Weiß man. Eigentlich.

 

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© Birgit Pichler

Pferde als Coaches. Führungskräfteseminare gibt es viele. Pferde als Coaches sind allerdings nicht nur für mich neu. Auch die anderen Teilnehmer haben Respekt vor den Tieren und sind gespannt darauf, was der Tag bringt. Wir treffen uns um neun Uhr am Gestüt Stegerberg in Reutte. Sonja Embacher, gelernte Juristin und Personalerin mit 15-jähriger Erfahrung in Führungspositionen in internationalen Unternehmen und selbst begeisterte Reiterin, begrüßt uns. Gemeinsam mit Pädagogin und Reittherapeutin Nora Hilti will sie uns zeigen, was wir für unseren Führungsalltag von Pferden lernen können. Zunächst beobachten wir die Herde in der Halle. Es gibt – wie in Unternehmen auch – eine klare Hierarchie. Nach kurzer Zeit ist klar, wer das Sagen hat. Es ist spannend, die vier zu beobachten und Schlüsse zu ziehen. Wir sollen uns das Pferd aussuchen, das uns am ähnlichsten ist. Nach der Reihe nähern wir uns vorsichtig und einzeln den Vierbeinern und stellen uns vor. Eine Mischung aus Neugierde und Respekt macht sich breit. Wenn wir uns wohlfühlen, sollen wir die Herde mit unserer Körpersprache in Bewegung bringen. Die Aufmerksamkeit und das Vertrauen der Pferde für sich zu gewinnen, ist eine größere Herausforderung als gedacht.

Und verdeutlicht, wie wichtig es auch im Führungsalltag ist, jedem einzelnen Mitarbeiter genügend Aufmerksamkeit zu schenken, um erfolgreich zusammenzuarbeiten. Mit Druck geht hier gar nichts. Mit jeder Übung gewinnen wir mehr Vertrauen und verstehen zunehmend, warum Pferde sehr gute Coaches sind. „Als Fluchttiere sind Pferde exzellente Beobachter und spiegeln das eigene Verhalten. Sie lassen sich nicht manipulieren“, betont Embacher, die jedem Teilnehmer individuelle Tipps gibt.

 

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© Birgit Pichler

Körpersprache. Ganz deutlich wird diese Spiegelung beim gemeinsamen Analysieren der Videoaufnahmen. Körperhaltung, Mimik und Gestik wirken sich stark auf das Verhalten der Pferde aus. Wer sich dem Vierbeiner selbstsicher und ruhig nähert, gewinnt das Vertrauen. In Feedbackrunden wird das Erlebte auf seine Bedeutung für das individuelle Führungsverhalten reflektiert. „Pferde sind ehrlich. Sie bewerten dich nicht, sondern nehmen dich als Person, wie du bist. Sie sind sehr feinfühlig und sensibel und holen dich dort ab, wo du bist“, sagt Reittherapeutin Nora Hilti. „Ich habe selbst noch nie ein Seminar mit Tieren absolviert. Für mich verläuft das überraschend positiv. Das Feedback der Pferde ist überaus interessant“, erklärt Christian Praxmarer, Prokurist bei AFS Logistic Solutions. Auch Markus Stieg, Projektleiter bei Swarovski, sagt, man bekomme durch dieses Seminar einen ganz neuen Zugang zum Thema Führen. „Durch die Übungen nimmt man Bilder mit. Sie bleiben viel besser in Erinnerung als Gesprochenes oder Gelesenes.“

 

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© Birgit Pichler

Teamwork. In der letzten Übung an diesem Tag soll ein selbst gestalteter Hindernisparcours bewältigt werden. Beim ersten Mal wird das Pferd am Strick geführt, beim zweiten Durchgang folgt es – im besten Fall – ohne angehängt zu sein. Es gilt, genug Vertrauen aufzubauen. Und daran zu glauben, dass auch der Vierbeiner vertraut. Es ist ein spannender Moment, alleine loszugehen. Ich hole tief Luft, schaue nach vorne und nehme den Parcours in Angriff. Das Pferd folgt mir ohne Strick. Es hat Vertrauen. Ein gutes Gefühl.

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© Birgit Pichler