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Lifestyle | 18.05.2018

Porto ist Leben pur!

Portugals nördliche Hafenmetropole lockt dank ihrer einzigartigen Altstadt immer mehr Touristen zum Städteurlaub zwischen Keramikfliesen, Fadoklängen und Portweinverkostungen.

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Foto: Martin Duschek

Und nimm dir einen Pullover oder eine Jacke mit! „Im Juli nach Porto? Sicher nicht!“ Der ausgeschlagene Rat hallt im Gedächtnis nach, während mir der Wind um die Ohren pfeift und sich die realen 14 Grad wie knappe zehn anfühlen. In den vielen Beisln und Restaurants am Cais da Estiva, der beliebten Ausgehmeile an Portos Binnenhafen, sind die Gastgärten heute Abend leer, die Lokale dafür umso überfüllter. Auch meine Begleitung „scheppert“ es. So fliehen wir durch ein paar enge Gassen stadt-
einwärts. In der Rua de Mouzinho da Silveira betreten wir in einem Hinterhof das gemütliche Restaurant „Solar do Pátio“, schlicht und unpassend „Sonnenterrasse“. Warum nicht gleich den zweiten Rat ausschlagen, der da lautete: „Bestell’ dir keine Francesinha“? 

 

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Foto: Martin Duschek

„Francesinha por favor“, höre ich mich. Der Kellner nickt. Eine Viertelstunde später bekomme ich meine „kleine Französin“. In einem gut 30 Zentimeter durchmessenden Nest aus Pommes frites thront das Nationalgericht Portugals. Der Sage nach erschuf es ein angesehener Bürger Portos in Anlehnung an seine amourösen Jugenderinnerungen an Frankreich. Toastbrot, Schinken, scharfe Salami, gebratenes Rindfleisch, wieder Toastbrot, darauf ein käseüberbackenes Spiegelei – und alles ertränkt in einer Soße aus Brandy, Bier, Senf, Piri Piri, Butter und Tomaten. Am Heimweg ist mir nicht mehr kalt. 

 

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Foto: Martin Duschek

Vom Hafen zum Wein. Porto, Portugals zweitgrößte Stadt nach Lissabon, liegt ein Stückchen südlicher als Rom. Der Lage am Atlantischen Ozean und dessen kalten Strömungen verdankt die 220.000-Einwohner-Stadt aber ein ganzjährig gemäßigtes Klima. Während ein paar Kilometer landeinwärts heiße, trockene Sommer die Trauben des Portweins reifen lassen, erwacht die Stadt am Nordhang der Duero-Mündung mitunter im feucht-kühlen Nebel. Porto heißt Hafen, leiht seinen Namen aber auch dem süßen, schweren Wein aus dem Duerotal. Portweinverkostungen gehören zum touristischen Pflichtprogramm. Praktisch alle großen Weingüter des Landes präsentieren stolz ihre edlen Tropfen. Seine Reife erhält Portwein nach frühestens zwei Jahren Lagerung. 

 

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Foto: Martin Duschek

Diese erfolgt jedoch nicht in den heißen Bergen des Duerotals, sondern in Vila Nova de Gaia, jener Stadt, die Porto an der Mündung des Flusses in den Atlantik gegenüberliegt und mit ihr eine urbane Einheit bildet. Riesige Kellereien, die in den weichen Sandstein gegraben wurden, können auf geführten Touren besichtigt werden.  In Vila Nova de Gaia liegen auch die Flusskreuzfahrtschiffe vor Anker. Von hier genießt man den schönsten Blick auf Portos malerische Altstadt und die mächtige Eisenbrücke, die als modernes Wahrzeichen die Städte über den Duero verbindet. Das Bauwerk des Belgiers Théophile Seyrig gilt als Meilenstein der Ingenieurkunst. Seit 2011 führt eine moderne Seilbahn vom Flussufer auf die obere Ebene des fast 50 Meter hohen Spannbauwerks. Diese ist Fußgängern und der Straßenbahn vorbehalten. 

 

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Foto: Martin Duschek

Weltkultur-Erbstücke von der Architektur bis zur Musik. „Unsere Brücke gehört mit der Altstadt Portos zum UNESCO-Welterbe“, erzählt Ana Paula Dionisio da Conceicao Gil. Portugiesische Namen sind meist so kompliziert, weil Eltern und Ehegatten mit angeführt werden. „Sagt einfach Paula zu mir“, erleichtert die Fremdenführerin die Ansprache. Über die Ponte Dom Luís I tauchen wir mit dem Touristenstrom mitten in den historischen Kern von Porto. Die Kathedrale Sé do Porto mit dem Bischofspalast thront über den romantisch engen Gässchen der Ribeira, wie die Altstadt genannt wird. Von oben sieht man zahlreiche Baukräne, die sich emsig drehen, Lasten heben und senken. Das ganze Land und besonders die Hauptstadt des Nordens erleben derzeit einen ungeheuren Aufschwung. „Der Tourismus hat sich in den letzten Jahren praktisch verdoppelt“, erzählt Paula, „und ein Haus zu renovieren, ist steuerlich viel günstiger, als neu zu bauen.“ Dank dieser Politik zieht in das einzigartige historische Ensemble der Ribeira nach der Wirtschaftskrise wieder Leben ein. 

 

 

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Foto: Martin Duschek

Viele Geschäfte, Hotels, Pensionen und Büros sind schon hinter den jahrhundertealten Granitfassaden entstanden. Eine weitere Charakteristik Portos eröffnet sich wenige Schritte die Avenida Dom Afonso Henriques hinab in der Estação São Bento, dem Innenstadtbahnhof. Die historische Abfahrtshalle zählt zu den am häufigsten besuchten Sehenswürdigkeiten: Auf riesigen Azulejos, weiß-blauen und bunten Keramikfliesenbildern, stellte der Künstler Jorge Colaço die Geschichte Portugals szenisch dar. Die Ausdruckskraft der Bildsprache ist überwältigend und so mancher klagt nach dem Besuch im Bahnhof über Nackenschmerzen. Den weiß-blauen Fliesen begegnen wir auf Schritt und Tritt: Die Kirche des heiligen Ildefonso (Igreja Paroquial de Santo Ildefonso) am Hügel hinter dem Bahnhof, ein paar Schritte weiter jene des heiligen Antonios (Igreja de Santo António dos Congregados) oder die der Karmeliter (Igreja do Carmo) gegenüber der Universität – sie alle verfügen über prächtige, viele Meter hohe Fliesenbilder auf ihren Außenmauern.  

 

 

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Foto: Martin Duschek

Aber auch prächtige Jugendstilbauten prägen das Stadtbild. Besonders die Avenida dos Aliados, die unterhalb des Rathauses einen mächtigen Stadtplatz bildet, wird von phantasievollen Jugendstilbauten gesäumt. Portos Altstadt ist ein harmonisch zusammenhängendes, architektonisches Gesamtkunstwerk. Wem die Erkundung zu Fuß, die teils steilen Straßen bergauf, bergab, zu mühsam wird, der kann sich bequem in eine der abenteuerlichen Oldtimerstraßenbahnen setzen, die auf drei Linien die Stadt durchschneiden und auch bis zur Mündung des Dueros in den Ozean führen. 

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Foto: Martin Duschek

Wir möchten am kühlen Abend noch eine andere kulturelle – ebenfalls zum UNESCO-Welterbe zählende – Seite Portos kennenlernen: Wir fragen Paula nach einem möglichst authentischen Fadolokal. Sie schickt uns ganz nahe am Sé do Porto in eine winzige Eckgasse. Mit Sonnenuntergang sind die Touristen verschwunden. Das „Casa da Mariquinhas“ ist von außen ganz unauffällig und auch innen unaufdringlich gemütlich. Dafür birgt die Speisekarte opulent vielfältige regionale Köstlichkeiten. Nicht lange lehnen die zwölfsaitige portugiesische und die klassische Gitarre an der Wand. Drei Männer beginnen ohne Ansage und elektronische Verstärkung einfach zu musizieren – berührend, traurig, herzzerreißend – so viel Schwermut geht unter die Haut, genauso wie der Portwein ins Blut. Porto ist Leben pur.