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Lifestyle | 21.03.2018

Frühlingserwachen im Kopf

Frühlingszeit ist Zeit für die neue Liebe. Das ist wohl der größte Blödsinn, der jemals von einem Frauenmagazin in die Welt gesetzt wurde. Statistisch gesehen lernen sich nämlich im August die meisten zukünftigen Pärchen kennen – da im September dann die meisten Kinder geboren werden, kann man sich vorstellen, worauf so ein Spätsommerflirt spätestens in den kalten Monaten hinausläuft. Wenn’s bis dahin hält.

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© Shutterstock

Der frühe Vogel ... Aber zurück zum Frühling. Warum haben wir das Gefühl, im Frühling wäre alles besser? Weil wir die ersten Sonnenstunden genießen können, weil die ersten Blumen sprießen, weil wir unsere Winterjacke in den Schrank hängen können? Gilt schon mal alles nicht für Tirol. Außer Ihr „Frühling“ beginnt Ende April. Aber vielleicht ist es die Sonne, die all jenen, welche auf der Piste noch nicht schneeblind geworden sind, nun die klare Sicht verstellt. Oder es ist ganz einfach: Ich wage zu behaupten, dass im Frühling mehr riskiert wird. Die Umsetzung der Jahresvorsätze bekommt nach einem ersten Abflauen neuen Aufwind und müssen neu poliert werden, überall lachen uns  sonnige Reisebürofotos entgegen, und das beklemmende Gefühl kommt auf, dass wir noch so wenige Küsten der Welt wirklich bereist haben und in so wenigen Weltmeeren geschwommen sind. Im Büro laufen kurz danach erste Fights ab, wer wann wie lange freinehmen darf, wer wo (vor allem wegen beständiger Terrorgefahr und/oder Quallenepidemien) auf keinen Fall hinfahren darf und wer gar kein Recht auf Urlaub hat, weil er schon im Winter unzumutbar schöne Malediven-Fotos ins Netz gestellt hat. Und dann sind wir schon mittendrinnen, riskieren, uns am Frühling zu verbrennen, weil wir sofort ein neues Sommerkleid kaufen, mit den Flip-Flops in den letzten Schneematsch am Straßenrand stapfen und barfuß durchs braune Gras laufen. Und der sorgfältig bereitete Korb zum Blumenpflücken bleibt leer.

Immer mit der Ruhe. Warum? Weil auch jeder Anfang ein neuer Beginn ist, und wir Zeit brauchen, uns umzustellen. Obwohl ich de facto Frühlingskind bin (Geburtstagswünsche nehme ich gerne am 20. März entgegen), habe ich die meiste Zeit so gar keine Lust auf Frühling. Ich bleibe – außer mein Körper ist dem Gefrierpunkt nahe – lieber im Schatten sitzen, glaube, dass das Meer an allen Küsten gleich aussieht, und Blumen gepflückt habe ich das letzte Mal wohl als Kind. Damals, als wir in Ritschratschschuhen in die Gärten unserer Nachbarn gestiegen sind und dort die prächtigsten Tulpen- und Narzissenblüten aus der Erde gerissen haben und an unserem selbst gebauten Kiosk mit dem Schild „Frisch aus unserem Frühlingsgarten“ für teuer Geld an ebendiese Nachbarn verkauft haben. Und auch das mit dem Bauchkribbeln – das findet bei mir, wenn schon, in der Halsgegend statt. Alles andere nenne ich simpel Hunger haben.

Bei all dem Risiko, das wir gerne eingehen würden, nehmen wir uns doch lieber Zeit für das Frühlingserwachen, welches, wenn schon nicht im Bauch, im Kopf stattfindet. Und für die neue Liebe. Trotzdem ist es bei allem Kopflastigem, das auch in meinem Kopf lastet, wichtig, beim Frühling aktiv mitzumachen. Ab Ende April. Oder besser wenn die Zeit reif ist. Und dann mehr Halskribbeln haben. Mehr riskieren. Oder vorübergehend mal riskieren, mehr Halskribbeln zu haben. Tacheles reden. Urlaub eintragen. Auf die neue Liebe im Spätsommer freuen. Und wenn ich früher reif bin, einfach früher Frühling haben. Wenn nicht in Tirol, dann aber am Lago.