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Lifestyle | 23.03.2018

Tradition & Mythos

Abseits von den Touristenhochburgen des Landes bietet Bulgarien Sehens- und Erlebenswertes. Zum Beispiel eine Rundreise durch drei markante Gebirgszüge südlich der Hauptstadt Sofia.

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Foto: Martin Duschek

Das Kloster Rila verbirgt sich gut zwei Autostunden von Bulgariens Hauptstadt entfernt im gleichnamigen Gebirge. Der zunehmende Verkehr auf der kurvigen Straße kündigt an, dass wir uns etwas Bedeutendem nähern. Rund zwei Millionen Besucher kommen jährlich zum größten Kloster der orthodoxen Kirche Bulgariens, das auch als spirituelles Nationalheiligtum gilt. Unsere Reisegruppe wird vom Präsident des bayerischen Pilgerbüros, Weihbischof Wolfgang Bischof, begleitet. Aus erster Hand erfahren wir das Wesentliche über die bulgarische Orthodoxie. Neun Mönche leben heute noch im Kloster Rila. Der trutzige Vierkanthof verfügt an den Innenseiten über wunderschöne Galerien, die auf vier Stockwerken zu rund 300 Zimmern führen.

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Foto: Martin Duschek

Im gänzlich umschlossenen Hof steht die Hauptkirche Sv. Bogorodica, eine dreischiffige Basilika mit fünf Kuppeln. Das Besondere der Klosterkirche sind aber ihre volkstümlichen Malereien im Laubengang, die in kräftig bunten Bildern alles übers Leben, Sterben und Glauben erzählen. In den fast comicartigen Darstellungen wimmelt es von kleinen Teufelchen, die Menschen verführen und in Höllenschlunde verschleppen. Einer freut sich über eine gewonnene Seele derart, dass er voll Übermut durch die Lüfte tanzt. „Teufel sind immer von der Seite dargestellt“, erklärt unser Bischof, „damit der Betrachter dem Bösen nicht in die Augen schauen muss.“ So böse wirken die Höllenkreaturen dabei gar nicht. Wir Menschen des 21. Jahrhunderts sind aus dem Fernsehen weit Schlimmeres gewohnt, als sich die Künstler damals vorstellen konnten.

 

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Foto: Martin Duschek

Freudiger Empfang. Nach der Besichtigung empfängt uns Rilas Abt Evlogii Adrianopolski und erzählt, wie der Kommunismus versucht hatte, das geistige Leben zu zerstören. Das Kloster selbst diente bis zur Ernennung zum UNESCO-Weltkulturerbe als Hort für exzessive Saufgelage. Er als Abt konnte nur hilflos zusehen. Heute ist es wieder ein Ort der Einkehr – und nach dem Staat der größte Grundbesitzer Bulgariens. Wir sind eingeladen, innerhalb der ehrwürdigen Mauern zu übernachten. Die Quartiere sind spartanisch, aber die Leere und Stille der Anlage machen die Nacht in Rila zu einem unvergesslichen Erlebnis.

 

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Foto: Martin Duschek

Wunder der Natur. Ebenfalls zum UNESCO-Welterbe zählt der Nationalpark im Gebirge Pirin. Die fast 3.000 Meter hohen Gipfel verlieren erst im Mai ihr Schneekleid. Nahe Melnik, der kleinsten Stadt Bulgariens, schuf eine Laune der Natur zahlreiche mächtige, steile Sandsteinpyramiden. Mehr als 100 Meter hoch türmen sich die grotesken Formationen aus orangem Stein, Lehm und Ton auf. Einzelne Säulen tragen – einem riesigen Pilz gleich – einen Granitfels und wirken, als könnten sie jeden Moment in sich zusammenstürzen. Doch Melnik ist nicht nur für seine Felsformationen berühmt. In der Nähe wird aus der autochthonen Rebsorte „Schiroka Melnischka Losa“ der dunkelrote Melnik-Wein gekeltert.

 

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Foto: Martin Duschek

Eine Bahnfahrt weiter. Östlich von Rila und Pirin schließt sich mit den Rhodopen die vielleicht schönste Landschaft Bulgariens an. Bunte Wiesen, dunkle Nadelwälder, Buchen- und Eichenhaine, unwegsame Felsen, tiefe Schluchten und dazwischen immer wieder malerische Dörfer bestimmen diesen Teil des Balkans. Die gemütlichste Weise, die Gegend zu erkunden, erfolgt mit der letzten Schmalspureisenbahn Bulgariens, der Rhodopenbahn, von Dobrinishte nach Septemvri. Die Eisenbahn, für viele Bewohner entlang der Strecke das einzige Verkehrsmittel, um Städte, Schulen oder das nächste Krankenhaus zu erreichen, sollte 2011 eingestellt werden. Der damals 17-jährige Christian Vaklinov bombardierte die Regierung in Sofia mit unzähligen Schreiben, sammelte Unterschriften und startete eine Internetplattform.

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Foto: Martin Duschek

Schließlich willigte das Transportministerium ein, und 2016 wurde der reguläre Fahrplan wiederaufgenommen. Jeder hier kennt Christian. Der junge Mann steigt in Awramowo, der höchst gelegenen Bahnstation am Balkan (auf 1267 Meter), zu uns in den Zug. Auf der folgenden Strecke über Kehrschleifen und durch Tunnel erzählt er von seinen Träumen und Plänen, die Bahnhöfe zu renovieren und ein Rhodopenbahn-Museum zu eröffnen.         

 

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Foto: Martin Duschek

Menschenleer. Acht Einwohner auf 100 Häuser. Ebensolche patriotische Begeisterung erleben wir in der kleinen Ortschaft Kosovo. Vor 150 Jahren lebten hier noch 1.700 Menschen in rund 100 Häusern. Heute, nach Landflucht und Exodus ins reiche Ausland, zählt das Bergdorf gerade noch acht Einwohner. Dazu gehören Hristo und Svetlana. Das Paar hat sich nach seiner Rückkehr aus Venezuela bewusst hier niedergelassen und inmitten der Einsamkeit ein Hideaway für Naturliebhaber geschaffen. Langsam beginne der Betrieb zu laufen, erzählen die beiden, vor allem Hochzeitsgesellschaften, aber auch Mountainbiker und Wanderer kämen immer mehr in das Dorf, das für seine schönen Häuser der sogenannten Wiedergeburtsarchitektur bekannt sei. Zu unserer Begrüßung stellen sich die Nachbarn in historischen Kostümen ein. Einer spielt eine markante Melodie auf dem traditionellen Instrument der Gegend, dem Rhodopendudelsack. Das Volkslied sei auch der bulgarische Beitrag auf der goldenen Schallplatte an Bord der Voyager-Sonde, erzählen uns die letzten Bewohner Kosovos stolz.