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Lifestyle | 24.11.2017

Die Künstlervilla

Georg und Susanne Loewit sind mit ihrer Villa eine Herausforderung eingegangen. Was in desolatem Zustand begann, erstrahlt nun als Perle der Gründerzeit.

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© Martin Vandory

Wandelt man durch die denkmalgeschützte Gründerzeitvilla von Familie Loewit, dann geht man durch historische Räumlichkeiten, in denen zeitgenössische Kunst präsentiert wird. Dieses Verhältnis wird ganz bewusst ausgelotet von Georg und Susanne Loewit, die mit ihrem Projekt der Künstlervilla im Innsbrucker Saggen eine besondere Herausforderung eingegangen sind. In desolatem Zustand haben die beiden die Villa im Jahr 1999 erworben. Gebaut wurde sie bereits ein Jahrhundert früher, nämlich genau 1895. Architekt Jacob Norer hatte die Villa im Auftrag eines k. u. k. Mediziners errichtet, dessen Frau aber schlussendlich nicht in den Prachtbau einziehen wollte. So kam das Haus über mehrere Eigentümer etwa 100 Jahre später in den Besitz von Familie Loewit, eine Wendung, die dem Haus guttat, denn die Affinität zur Geschichte brachte Georg Loewit mit, der sich mit viel Engagement daran machte, die historischen Mauern wieder auf Vordermann zu bringen. Insgesamt über zehn Jahre wurde gearbeitet und gefeilt, damit heute eine Perle der Jahrhundertwende neu erstrahlen kann. Denn was dem kunstsinnigen Ehepaar wichtig war: den Stil und die Atmosphäre des Hauses zu bewahren, nicht ohne auf zeitgenössische technische Standards zu verzichten. Eine schwierige Gratwanderung, die einiges an Kraft verlangte. „Wir wollten mit dem Erwerb des Hauses auch ein stückweit einen historischen Schatz bewahren, der sonst vielleicht verfallen wäre“, erzählt Georg Loewit.

Geschichtsbewusstsein. Selten hat ein Hausbesitzer sich derart mit der Geschichte seines Heimes beschäftigt, wie es bei Georg Loewit der Fall war. Man setzte sich im Zuge des Umbaus intensiv mit den Gegebenheiten des Hauses auseinander. An einigen Stellen im Atelier scheint etwa die alte Wandstruktur durch, die alte Malereien offenbart. „Uns fehlte vielleicht auch der Mut zum Neubauen, uns war die historische Verantwortung bei einem alten Haus immer näher“, erklärt der Künstler. Georg Loewit, der sich durch seine jahrelange Tätigkeit als Geschäftsführer der Tiroler Künstlerschaft, als Initiator der RLB-Kunstbrücke und maßgeblicher Ideengeber für das Künstlerhaus Büchsenhausen einen Namen gemacht hat, strahlt die Faszination für die Geschichte wahrlich aus. Beim Umbau  achtete man deshalb auch auf kleinste Details: „Wir haben jetzt zwar eine moderne Fußbodenheizung installiert, aber darauf den ursprünglichen Boden aus alten Villeroy&Boch-Fliesen gelegt, einfach weil das den Charme des Hauses ausmacht“, erläutert Susanne Loewit. Auch wenn die Umbauphase aufgrund dieser extremen Detailtreue sehr langwierig und kostenaufwändig war, fühle man sich hier nun besonders wohl, bestätigt das Künstlerpaar. Auch wenn ein Begriff wie „Zuhause“ oder „Heimat“ für beide nicht zwangsläufig mit einem bestimmten Ort assoziiert werden muss. „Wir könnten uns durchaus vorstellen, zeitweise anderswo zu leben“, meint Susanne Loewit. Mit der Villa verbinde man vor allem Familie und auch Ruhe, einen Umstand, den man im großen Garten hinter dem Haus oder beim Verweilen in der historischen Holzveranda genießen kann. Eine Stille, die mitten in der Stadt für viele allzu ungewöhnlich ist.

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© Martin Vandory

Alles unter einem Dach. Die Familie  ist hier natürlich immer präsent, Sohn Gregor bewohnt mit Vera die oberste Etage, den Dachboden, der ebenso aufwändig ausgebaut wurde. Gregor Loewit, beruflich Architekt, hat hier selbst Hand angelegt und sein Reich geplant. Tochter Carmen, Robert und der kleine Leo genießen ebenso gern das Flair der historischen Villa samt ihrem großzügigen Garten. Auf der zweiten Etage wohnen die Eltern, Susanne und Georg. Das Hochparterre und der Keller sind für die gemeinsame Leidenschaft der beiden reserviert: die Kunst. Hier haben beide Künstler ihre Ateliers, in Susannes Loewits Raum hängen gerade einige Porträts aus ihrer Serie zu Tiroler Sagen, die sie aktuell beschäftigen, Georg Loewits Räume hingegen sind voller Skulpturenmodelle und Bilder, allesamt zum Thema Protagonisten. Beide interessieren Aspekte menschlichen Seins – Susanne Loewit in Form von zeitgenössischen Illustrationen historischer Sagen in ihrem jüngsten Projekt, Georg Loewit im Ausloten des Verhältnisses von Anonymität und Menschenmassen bei seinen Protagonisten. Und beide sind mit ihren Werken erfolgreich und bestreiten gerade mehrere Ausstellungen zugleich: Susanne Loewit ist mit ihrem Buch zu Tiroler Sagen auf insgesamt sieben Ausstellungen beziehungsweise Lesungen unterwegs, Georg Loewit zeigt seine Werke gerade in einer großen Ausstellung im Haus am Milsertor in Hall. Der früher feuchte Kohlenkeller mit Erdboden wurde trockengelegt und saniert. Heute dient er als private Galerie, wo Ausstellungen oder Lesungen, so wie im Falle von Susanne Loewits aktuellem Projekt, veranstaltet werden – für einen kleinen Kreis von Interessierten.

Grundstimmung. So bestimmt die Kunst also auch das Wohnen mit. Abgesehen davon, dass schöne Werke in den Räumen hängen, wird in der Villa auch gearbeitet. Die Frage, ob Arbeit und Privatsphäre dadurch vermischt werden würden, verneinen beide Künstler: „Es  ist aber schön, alles unter einem Dach zu haben. Außerdem lässt sich der künstlerische Prozess vom Leben nicht strikt trennen“, erklärt Georg Loewit. So wird das Wohnen auch zur Inspiration, etwa an einem der Lieblingsplätze des Paares, in der mit zahlreichen historischen Ornamenten verzierten Holzveranda oder im verwunschenen historisch angelegten Garten, wo sich die lauen Abende genießen lassen. Und hier wird man höchstens von einigen skulpturalen Werken aus Georg Loewits Hand beobachtet.

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© Martin Vandory

Nur geliehen. Im Rückblick betrachtet, sei die Künstlervilla ein Projekt, das man nur einmal im Leben mache, so Georg Loewit. Denn Wohnen ist hier weiterhin historische Verantwortung, birgt mitunter auch Auseinandersetzungen mit dem Denkmalamt, alles Situationen,  die Besitzer eines Neubaues gar nicht kennen. „Der Begriff des Besitzens verliert angesichts der historischen Dimension dieser Villa an Bedeutung. In diesem Sinne bin ich kein Hausherr, der sein Haus ‚besitzt‘ “, erläutert Georg Loewit und ist skeptisch, was von der Architektur der Sechziger oder Siebziger Jahre bleiben wird. Wahrscheinlich einige wenige Architekturjuwele. Dem Künstlerpaar ist es ein Anliegen, gute historische Qualität für die nächsten Generationen zu bewahren. Letztlich müsse man auch lernen loszulassen, so steht für das Paar nicht an erster Stelle, dass die Villa über Generationen in Familienbesitz bleibt: „Eigentlich ist das alles ja nur geliehen. Wir sind mit dem Haus immer noch per Sie.“

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© Martin Vandory