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Lifestyle | 25.10.2017

Nach Malle ist vor Malle

Für Barbara ist der Herbst feiertechnisch der neue Sommer - mit den gleichen Hits.

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© Shutterstock

Ich habe schon letztes Mal hochbeschwingt diesen Sommer gen Land des Pfefferwachsens geschickt, um damit endlich auch die unsäglichen, weitläufig als Sommerhits verschimpften Lieder aus der ewig dahinschleifenden Masche meines Innenohres zu verbannen. Umso nerviger, weil die heutigen Despacitos die viel schlechteren Macarenas sind als der Ab in den Süden der Neunziger Jahre. Früher war halt alles viel sommerhittiger.

Musikalischer Virus. Da steh ich nun (im Herbst), ich armer Tor, und bin so klug als wie zuvor, denn dieser weitläufig als Sommerhit getarnte Singsang ist mit fallenden Temperaturen keine aussterbende Spezies, nein, er ist inzwischen zum Herpes der Musikwelt mutiert und kommt, sobald das Immunsystem sinkt (meist bei überraschenden Jahreszeitenwechseln) immer wieder und manifestiert sich dabei nicht als Ekzem auf deinen Lippen, sondern weit bösartiger, gar als Virus, der deine Lippen stumpf-seichte Wortfetzen-Gröhler ausstoßen lässt. Und das nennt sich nun romantisch verklärt „Oktoberfestzeit“. Ein idealer Nährboden für sonnengebleichte Sommerhits, die aus Nostalgie an die heißen Tage nochmal aufgelegt werden, wobei Sangriabottiche gegen Biermaß getauscht werden, zuvor in Bikinis freischwingende Brüste in enge Dirndl gequetscht und schunkelnden Bäuchen der Zaun in Form einer speckigen Lederhose vorgelegt wird. Natürlich alles feiner Zwirn, sehr heimatverbunden und überhaupt traditionell. Da werden die Engländer, die am Strand noch alle ihre unsäglichen Körperteile flashten, welche noch weniger Sonne gesehen haben als alle anderen Körperteile, nun fein säuberlich in Papierlederhosen verpackt und den Italienern die unzähligen Sommerräusche von seidigem Aperitivo mit literweise gutdeutschem Bier heimgezahlt. Die Ohren mit Blasmusik unterlegtem Schlager gewaschen, gut tanzbar, aber schwer verdaulich. Ähnlich den 500.000 halben Hendln, die auf so einem Fest aller Feste in München verdrückt werden, nur um zwei Stunden später (nochmal!) den Weg alles Irdischen zu gehen und am Ende brockenweise biergetränkt auf den Rasen gesäht zu werden. Zurück zur Natur auf bayrisch!

Sie nannten es Tradition. Irgendwie niedlich dabei auch die noch feinzwirnigeren Zelte, in denen das gleiche Ramschessen deutscher Art auf richtige Teller gepackt wird und, „Spezialität“ getauft, zur schmackhaften Tradition verkommt. Bei 500 Euro pro Tisch für drei Stunden eine Tradition der Extraklasse, die sich mit allen kapitalistischen Wassern gewaschen hat. Und wehe dem, der die Kellnerin nicht gut behandelt! Weil Manieren gleich der verschallten Musik auf sehr hohem Niveau geführt werden. Trotzdem sind und bleiben die unter dem Oberbegriff „Oktoberfest“ laufenden Feste alle dem gleichen Schema verbunden: Was am Strand funktioniert, funktioniert im Zelt genauso gut. Da muss ich dem hochlyrischen Titel „Scheiß drauf! Malle ist nur einmal im Jahr“ wohl grundsätzlich widersprechen: Malle ist mindestens fünf Mal im Jahr. Ein wahrer Staffellauf der Besäufnisse, in dem lediglich Trikot und Getränk getauscht wird. Nach Malle ist vor dem Oktoberfest, ist vor dem Weihnachtsmarkt, ist vor der Hüttengaudi. Wir Südtiroler haben die Zwischenjahreszeit Törggelen eingefügt. Denn was wäre die Welt ohne Feste? Ohne Sommerhits? Ein trauriger Ort, an dem sich ständig alles ändert. Da setz ich lieber auf Beständigkeit, wenigstens was Musik und Alkohol anbelangt. Also einmal laut miteinstimmen: Wein auf Bier, das rat ich dir Bier auf Wein, das ist fein!