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Fashion | 04.10.2021

Momentaufnahme

Martina Kopp sieht die Welt ein bisschen anders. Was wir Realität nennen, ist für die Imster Fotografin ein kreativer Spielraum – der es wert ist, genau hinzusehen. Und manchmal mit einer Prise Fantasie kunstvoll zu erweitern. Wir haben sie zum Gespräch getroffen.

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© Martina & Reem

Wenn sie hinter ihrer Kamera steht, fühlt sich Martina Kopp am wohlsten. Denn da kann sie ihre Kreativität ausleben, die Grenzen der Wirklichkeit austesten und ihren Ideen freien Lauf lassen. Und obwohl ihre Bilder inzwischen schon um die ganze Welt gegangen und mehrfach preisgekrönt wurden, möchte sich die Imsterin eigentlich nicht so wichtig nehmen. „Ich bin ein bisschen kamerascheu“, gesteht sie, als wir sie für unser Interview fotografieren möchten. Denn viel lieber holt sie sich selbst interessante Menschen vor die Linse, um sie in jedem Detail zu erfassen und ihre ganz besondere Schönheit zum Ausdruck zu bringen.

Power-Duo. Gemeinsam mit ihrer künstlerischen Partnerin Reem hat sich Martina Kopp der Mode-, Fine-Art- und Porträtfotografie verschrieben. In ihren Werken verschmelzen die Elemente der Realität mit dem Fantastischen. „Die visuelle Wahrnehmung und die Beziehung zwischen Kunst und Raum herauszufordern“, so lautet das Ziel des ambitionierten Duos „Martina & Reem“. Im Gespräch erzählt uns Martina Kopp, wie es sich anfühlt, wenn das eigene Bild plötzlich weltweite Aufmerksamkeit bekommt, was eigentlich ein gelungenes Foto ausmacht – und warum Schönheit nicht mehr das ist, was sie einmal war.

 

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© Martina & Reem

TIROLERIN: Wie sind Sie zur Fotografie gekommen?
Martina Kopp: Fotografie war schon immer meine Leidenschaft und mir war schnell klar, dass ich das Handwerk gerne professionell lernen möchte. Daher habe ich auch das Kunstgymnasium in Klagenfurt mit fotografischem Schwerpunkt absolviert. Meine erste Berufserfahrung habe ich mit Anfang 20 bei Mario Rabensteiner in Imst gesammelt. Bei ihm habe ich viel gelernt, vor allem über Analogfotografie, Studiolicht- und Drucktechniken, aber auch über die kreative Arbeit im Allgemeinen. Er war ein wirklich inspirierender Lehrmeister. Irgendwann habe ich beschlossen, meine Ausbildung zu vertiefen und die Welt kennenzulernen. Durch Zufall habe ich in Vancouver eine Schule für digitale Fotografie gefunden und mich sofort eingeschrieben. Während der Ausbildung dort habe ich viele tolle Menschen kennengelernt, darunter auch Reem. Wir haben oft zusammen fotografiert und gleich gemerkt, dass die Chemie passt und wir als Duo schöne Projekte realisieren können. Deshalb haben wir uns entschieden, unsere Zusammenarbeit auf eine professionelle Ebene zu heben. So entstand Martina & Reem.

Wo liegen die Schwerpunkte Ihrer Arbeit?
Unser Fokus liegt besonders auf Fine Art. Dabei experimentieren wir mit verschiedenen Medien, fügen Bilder zusammen und kreieren einfach verrückte, kreative Kunstwerke. Wir fotografieren aber auch leidenschaftlich gerne Menschen. In Toronto hatten wir zum Beispiel vor kurzem ein interessantes Projekt, in dem wir starke Frauen mit einer besonderen Geschichte in einem High-Fashion-Setting abgelichtet haben. Dabei haben wir versucht, ihre einzigartige Persönlichkeit hervorzubringen und ihre innere Schönheit zu zeigen. Echte Menschen vor der Kamera zu haben ist extrem spannend. Aber auch Architektur- und Naturfotografie reizen mich – so eine stille, ruhige Kulisse hat schon etwas. Ich würde zum Beispiel gerne einmal längere Zeit im Ausland verbringen, um das Land und seine Menschen über alle Jahreszeiten hinweg kennenzulernen und fotografisch festzuhalten.

Was macht für Sie ein gelungenes Foto aus?
Ein gutes Foto muss mich berühren und etwas in mir auslösen. Ich glaube, jede:r kennt das, wenn man ein Magazin durchblättert und bei einem bestimmten Bild hängen bleibt, dessen Motiv man wirklich in sich „aufsaugen“, vielleicht sogar analysieren möchte.

 

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© Martina & Reem

Inwiefern hat sich das Ästhetikverständnis in den vergangenen Jahren gewandelt?
Früher hatte man ja eher einheitliche, „glatte“ Vorstellungen von Ästhetik. Heute ist dagegen eigentlich fast alles möglich. Wir haben es zum Glück geschafft, langsam aus dem alten Schubladendenken auszubrechen und die individuelle Persönlichkeit und Schönheit eines jeden Menschen in den Mittelpunkt zu stellen. Gerade in der Modefotografie merke ich, dass die Branche offener geworden ist und heute viel mehr annimmt. Das ist nicht nur für unsere Gesellschaft wichtig, sondern auch für mich als Fotografin, weil ich meiner Kreativität viel mehr Spielraum geben kann und nicht mehr nur statisch fotografieren muss, sondern mich beispielsweise mit Fine Art auch künstlerisch auf einer ganz neuen Ebene einbringen kann.

Gibt es ein Fotoprojekt, das Ihnen besonders in Erinnerung geblieben ist?
Schön ist für mich ein Projekt eigentlich immer dann, wenn ich in einem tollen Team arbeiten darf. Wenn das Zusammenspiel zwischen den Menschen perfekt funktioniert und der Arbeitstag als Erlebnis in Erinnerung bleibt. Einmal haben wir mit einem Modedesigner in Vancouver zusammengearbeitet, der unsere Fotos auf seine Stoffe gedruckt hat. Unsere Bilder waren dann auf der Vancouver Fashion  Week auf allen möglichen Stücken zu sehen – von Kleidern über Leggings und Strümpfen bis hin zu Handschuhen. Wir haben auch das Lookbook fotografiert. Die Entwürfe haben es schließlich sogar in die britische Vogue geschafft und einen europäischen Fotografiepreis gewonnen. Das war schon ein großer Moment.

Hat sich durch die technische Weiterentwicklung auch die Rolle der Fotograf:innen verändert?
Total. Man hat durch die Technik viel mehr Möglichkeiten. Im Lockdown habe ich zum Beispiel Blumen eingescannt und daraus ganz eigene, neue Kunstwerke erschaffen. Es gibt so viele verschiedene Medien, die man sich zunutze machen kann, um zu einem schönen, neuen Ergebnis zu kommen. Man kann das Foto drucken, malen, mit Photoshop bearbeiten, die Belichtung verlängern ... und so die Realität quasi erweitern.

Bei welchen Gelegenheiten lohnt es sich, professionelle Fotograf:innen zu engagieren?
Kurz gesagt: Die professionelle Fotografie ist einfach ein gelerntes Handwerk. Wenn man ein Haus baut, möchte man das ja auch von Profis umsetzen lassen und nicht von Amateur:innen oder Hobbyhandwerker:innen. Ich glaube aber, letztlich muss jede:r für sich selbst entscheiden, inwieweit das Foto-Shooting für sie:ihn wichtig ist und ob man ein gutes Ergebnis möchte – oder eben nicht.

 

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Die Bilder von Martina Kopp waren bereits in der britischen Vogue und auf der Vancouver Fashion Week zu sehen. © Martina & Reem

Gibt es einen bestimmten Tipp, den Sie Ihren Models immer wieder geben?
Ich glaube, das Wichtigste ist, dass sich die Person vor der Kamera wohlfühlt und Spaß an der Sache hat. Wenn ich merke, dass jemand sehr versteift ist, versuche ich, ihn:sie im Gespräch ein bisschen abzulenken und die Situation aufzulockern. Denn an sich ist es ja ein wirklich toller Job und nichts, wovor man Angst haben müsste.

Wen oder was würden Sie gerne einmal ablichten?
Schwierig! Zwei Menschen, die ich wirklich gerne fotografieren würde, leben leider nicht mehr: Romy Schneider und Audrey Hepburn. Das waren einfach starke Frauen mit einer beeindruckenden Geschichte. Sehr interessant fände ich auch die Frontfrau von Leyya, Sophie Lindinger. Ich glaube, mit ihr könnten tolle Bilder entstehen. Auch Anna Netrebko hätte ich gerne einmal vor der Linse. Grundsätzlich kann aber jedes Gesicht vor der Kamera spannend sein. Ich finde, dass eine besondere Ausstrahlung viel wichtiger ist als eine glatte, „perfekte“ Ästhetik. Das ist das Schöne an der Fotografie, dass sie immer wieder den eigenen Blickwinkel erweitert und jene Eigenschaften in den Vordergrund rückt, die jeden Menschen auf seine ganz eigene Art schön machen.

Was wäre Ihr Rat an Berufseinsteiger:innen?
Nicht aufgeben und Geduld haben! Es wird immer schwierige Momente und Zeiten geben, in denen man das Gefühl hat, alles wird einem schwer gemacht. Nehmt euch Auszeiten, wenn ihr sie braucht, und habt Vertrauen in euer Talent und eure Leidenschaft. Und hört immer auf euer Herz. Wenn ihr bei einem Projekt ein ungutes Gefühl habt, lasst es lieber bleiben. Lasst euch inspirieren von anderen Künstler:innen und anderen Fotograf:innen, bleibt neugierig und wissbegierig. Meine persönliche Leseempfehlung für alle Fotografieaffinen ist übrigens „Selbstporträt“ von Man Ray – ein großes Vorbild von mir, denn auch er ist immer seinen eigenen Weg gegangen und hat nie aufgehört, an sich selbst zu glauben.