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Fashion | 26.07.2021

Mit dem Herz in der Hand

Schmuckdesignerin, Ladenbesitzerin, Aktivistin: Hätte Janine Schugg ein Lebensmotto, würde es lauten: „Do it yourself“. Ein Gespräch über Vintage-Mode, Textilienkreisläufe und die Frage, warum Männer in Röcken noch immer schief angeschaut werden.

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Wenn man zu schnell daran vorbeiläuft, kann es schon mal passieren, dass man das kleine Geschäft im Innsbrucker Stadtteil St. Nikolaus übersieht. Doch wer das liebevolle Schaufenster-Arrangement aus Achtzigerjahre-Hemden, Retro-Hüten und goldenen Halskettchen auch nur aus dem Blickwinkel wahrnimmt, bleibt zwangsläufig daran hängen. Der Laden, der den schlichten Namen „Die Diele“ trägt, ist für seine Inhaberin Janine Schugg die Erfüllung eines kleinen Traums.

Wie zuhause. Hinter dem Schaufenster verbirgt sich ein modischer Kosmos, der tatsächlich ein bisschen an ein Vorzimmer erinnert: In der Mitte steht ein großes Sofa, an den Wänden sind Kleiderständer mit jeder Menge bunter Klamotten aufgereiht. Nach Stangenware wird man hier allerdings lange suchen – dafür findet man sorgfältig ausgewählte Second-Hand-Mode sowie allerlei selbstgemachte Ohrringe, Halsketten und Armbänder. Wir haben die Frau hinter dem Business getroffen und herausgefunden, was sie antreibt.

TIROLERIN: Wie kam es, dass du deine Liebe zu Mode und Schmuck zum Beruf gemacht hast?
Janine Schugg
: Vor einigen Jahren habe ich damit begonnen, hobbymäßig Armbänder zu knüpfen. Daraus entstanden irgendwann eigene „Schmuckparties“ für Familie und Freunde. Bald kam es zur Gründung meines Schmucklabels „Janine Patrice“. Ich hatte aber auch immer schon eine große Leidenschaft für Vintage-Mode. Wie es der Zufall wollte, wurde Anfang 2019 ein kleiner Laden in der Höttinger Gasse frei, wo ich dann meinen eigenen Schmuck zusammen mit Second-Hand-Kleidung anbieten konnte. Damit wurde für mich ein kleiner Traum wahr.

Ein reines Geschäftslokal war es aber nie, oder?
Ich wollte aus meinem Atelier in der Höttinger Gasse immer eine offene Begegnungszone machen, wo auch Ausstellungen, Workshops und ein Co-Working-Space Platz finden. Daher habe ich mir Menschen gesucht, die dieses Ziel mit mir gemeinsam verwirklichen wollten. Schon bald waren wir eine bunte Truppe, von der sich jede und jeder auf ihre und seine Art kreativ einbrachte – von Kunsttherapie über Holzbildhauerei bis hin zur Kindermodenschneiderin.

 

 

 

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Welchen Einfluss hatte Corona auf das Geschäft?
Das Corona-Jahr war sehr schwierig, nicht nur wegen der Umsatzeinbußen. Ich habe gemerkt, dass es an der Zeit ist, mich weiterzuentwickeln und mein eigenes Ding zu machen. Die Arbeit im Gemeinschaftsprojekt war toll, aber sie hat mich auch in meiner Kreativität gebremst. Über eine Freundin habe ich dann vor ungefähr eineinhalb Monaten mitbekommen, dass in St. Nikolaus ein Geschäftsraum frei wird – und bin kurzerhand eingezogen. Jetzt freue ich mich, dass ich endlich meinen ganz eigenen Laden habe, wo ich meinen Leidenschaften nachgehen kann: Schmuckherstellung, Vintage-Kleidung und Klamotten-Upcycling.

Was steckt hinter dem Begriff „Klamotten-Upcycling“?
Ich bekomme Kleiderspenden oder gehe auf den Flohmarkt und schaue erstmal durch, was in meinen Laden und zu meinem Konzept passt. Wenn etwas irreparabel beschädigt ist oder Flecken hat, die nicht mehr rausgehen, überlege ich, wie ich es weiterverarbeiten könnte. Eine abgewetzte Hose lässt sich zum Beispiel oft in eine coole Shorts verwandeln, aus den Stoffresten wiederum mache ich Scrunchies oder Bucket-Hats. Manche Kleidungsstücke besticke ich auch. Und alte Kinderklamotten färbe ich gerne mit Naturmaterialien wie Zwiebel- oder Avocadoschalen neu ein.

Was geschieht mit den Erlösen?
Einen Teil des Erlöses aus verkauften Kleidungsstücken spende ich an ausgewählte Hilfsorganisationen weiter, zum Beispiel an die Organisation Seebrücke oder das Tierheim Mentlberg. Da kommen monatlich etwa 100 bis 200 Euro zusammen. Unter dem Motto „Leave no one behind“ habe ich auch eine eigene Kollektion designt und bestickt, mit der ich auf die katastrophalen Zustände von geflüchteten Menschen in den griechischen Lagern aufmerksam machen möchte.

Vintage-Kleidung ist gerade sehr gefragt. Glaubst du, dass es sich dabei nur um einen kurzlebigen Trend handelt?
Ich habe schon das Gefühl, dass der Vintage-Trend bei Jüngeren stark verankert ist. Ich glaube nicht, dass es wieder abflacht, aber ich glaube auch nicht, dass sich die Fast-Fashion-Industrie dadurch ändert. Das Angebot an Second-Hand-Mode müsste eigentlich viel größer sein. Klamotten gibt es immerhin mehr als genug auf dieser Welt, die meisten Länder wissen ja gar nicht mehr, wohin damit. Und gerade jetzt, wo die 70er-, 80er-, 90er-Jahre wieder angesagt sind, macht es doch viel mehr Sinn, „echte“ Vintage-Sachen zu kaufen anstatt nachgemachter Kollektionen von großen Fast-Fashion-Anbietern.

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In deinen Shootings legst du Wert auf Genderneutralität. Welcher Gedanke steckt dahinter?
Die Idee hatte mein Bekannter Robert, der an den Shootings sowohl als Model als auch als Fotograf mitgewirkt hat. Er selbst kleidet sich gerne genderneutral, zieht also gerne mal einen Rock oder ein Kleid an. Als er mich fragte, ob wir das zusammen umsetzen wollen, war ich sofort dabei. Ich finde es auch interessant, dass wir Frauen uns ja sehr genderneutral kleiden „dürfen“, zum Beispiel in Vintage-Herrenhemden, Bomberjacken oder sogar Herrenjeans. Ein Mann im Rock wird aber sofort schief angeschaut.

Was wünschst du dir für die Zukunft?
Eigentlich bin ich sehr zufrieden, so wie es jetzt ist. Vielleicht würde ich mir noch ein bisschen mehr Zeit wünschen, um kreativ zu sein. Im täglichen Geschäft kommt das leider oft zu kurz. Aber im Endeffekt möchte ich mich auch gar nicht zurücklehnen und alles an andere delegieren, denn dieser Laden, das bin einfach ich – und da steckt überall mein Herz drin.

 

Fotos  © Martin Vandory, Robert Puteanu, Janine Schugg