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Die geheimen Botschaften der LiebeDr. Monika Wogrolly

Die geheimen Botschaften der Liebe | 04.04.2019

„Kann ein Seitensprung erregend sein?“

Diese Frage stellt sich Dr. Monika Wogrolly in ihrer heutigen Kolumne.

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Dr. Monika Wogrolly. © Arman Rastegar

Die Situation:

Barbara und Norbert, beide knapp über 60 Jahre alt, blicken auf vier Jahrzehnte Ehe zurück. Ihr Beziehungsleben war durch seinen stressigen Beruf, die Betreuung der beiden Kinder und schließlich durch ihre aufopfernde Pflege seiner betagten Mutter bestimmt gewesen. Sie hatten gar nicht mehr an Sex gedacht. Nach dem Tod von Norberts Mutter und seiner Pensionierung haben sich die Möglichkeiten und Wertigkeiten verändert. Waren die beiden füreinander lange Zeit erotisch schon wie unsichtbar, haben sie auf einmal wieder Interesse an Sex. Doch dann fliegt Norberts Seitensprung zufällig auf: „Klassisch erwischt“ – sie checkte sein Smartphone, fand einschlägige Textnachrichten und er gab alles zu. Nun hinterfragt Barbara die Beziehung.
 
Das Fazit:

Er bricht die Affäre ab, sie bleiben zusammen. Bilder des Betrugs ziehen seitdem wie in Dauerschleife an der betrogenen Ehefrau vorbei – was sie einerseits kränkend findet, andererseits heizt Barbara diese Vorstellung beim Sex mit Norbert sogar an. Barbara will jedes Detail von ihm wissen, wie es mit der anderen Frau im Bett war: Sogar den Dirty Talk (was sie einander beim Sex an heimlichen Wünschen und Fantasien zuflüsterten) schildert Norbert seiner Gattin auf ihr Drängen minutiös. Dadurch wird ihre sexuelle Leidenschaft scheinbar noch gesteigert, was aber bei Barbara anschließend mit einem schlechten Gewissen verbunden ist: Müsste sie das nicht abstoßend finden und unter Norberts Untreue leiden?

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Dr. Monika Wogrolly ist Philosophin, Psychotherapeutin, Paartherapeutin und Sexualtherapeutin. Was sie in ihrem Berufsalltag in Klinik und Praxis erfährt, ist Basis ihrer Beratungen, Coachings und Therapien. Zuletzt erschien ihr Buch „Die Beziehungsformel. Endlich glücklich lieben“ (Verlag Ueberreuter Sachbuch).

Was meint die Paartherapeutin?

Dr. Wogrolly: Das Paar ist in einen Konflikt geraten, an der Oberfläche traditionell monogam zu sein, insgeheim aber explosive erotische Fantasien vor sich selbst zu verbergen. Norberts Seitensprung kann ein Weckruf für die Beziehung sein und dazu führen, endlich wirklich offen miteinander zu sein, einander „verbotene Gelüste“ mitzuteilen und miteinander zu leben. Die Beziehung ist von einer Doppelmoral geprägt.

Der Weg aus diesem Dilemma: mit dem gesellschaftlichen Tabu zu brechen, das diese Ehe überschattet, und tatsächlich die erotischen Träume umzusetzen, zum Beispiel offen über sexuelle Wünsche, Sehnsüchte und Fantasien zu sprechen und es bei verbaler Erotik zu belassen, mit dem Unterschied, sich anschließend nicht schlecht und schuldig zu fühlen.

Zu den Sex-Fantasien stehen. Die Vorstellung von häufigen speziellen Gelüsten nach Gruppensex, Sadomasochismus à la Fifty Shades of Grey oder Partnertausch kann eine sexuelle Interaktion durchaus erweitern und stimulierende Akzente setzen. Man muss es nicht gleich in die Tat umsetzen. Ein Paar lernt so, Sex-Fantasien in ein bodenständiges Weltbild zu inte­­­­­­­­grieren und sich nicht länger insgeheim dafür zu schämen und moralisch zu verurteilen. Niemand braucht dann diese heimlichen Gelüste noch auszulagern: Das Sexleben erfährt dadurch eine Aufwertung und keiner verspürt noch Schuldgefühle und den Drang nach einem Seitensprung.

 

Haben Sie auch eine Frage an dr. monika wogrolly zum großen Geheimnis der Liebe? Schicken Sie eine Mail an [email protected]