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Editor's Mind Angelica Pral-Haidbauers Kolumne

Editor's Mind | 04.11.2019

Narra ... bitte, was?

NARRATIV. Ein Wort, dem ihr nach geschlagener Nationalratswahl wohl oft begegnet seid.

NARRATIV. Ein Wort, dem ihr nach geschlagener Nationalratswahl wohl oft begegnet seid. Abgeleitet vom lateinischen „narrare“ (erzählen), hat es nämlich in den unzähligen Wahldiskussionen eine erstaunliche Karriere hingelegt. Wird diese, im besten Fall sinnstiftende Erzählung, nämlich nicht glaubwürdig an die Wähler gebracht – na, dann erklärt man sich damit einen saftigen Verlust an Stimmen. Also ein Narrativ als Ersatz für ein ordentlich ausformuliertes Wahlprogramm? In einem Beitrag über die Zukunft Europas habe ich sogar gelesen, die EU brauche keine Neuordnung, sondern ein neues Narrativ. Eine neue Erzählung.

Was ist also dran an diesen Erzählungen? Sehr, sehr viel. Seit nämlich der Mensch zu sprechen begann, hat er Geschichten weitergereicht, in imaginären Abenteuern Helden geschaffen und damit seine Kultur begründet. Von Generation zu Generation weitergegeben wurden diese Geschichten zu den großen Erzählungen der Völker. Genau so, wie auch die Geschichten unserer Vorfahren unser eigenes Lebensdrehbuch beeinflussen. Zwei Meister der heimischen Literatur und Philosophie, Michael Köhlmeier und Konrad Paul Liessmann, sind sich sogar einig, dass die großen Fragen der Menschheit nur in Form von Geschichten aufgearbeitet werden können. „Wenn Sie mich fragten, wer ich bin, würde ich Ihnen mit einer Geschichte antworten“, sagt Köhlmeier, „Geschichten erzählen, das klingt so wenig, ist aber unheimlich viel, denn in ihnen ist das ganze Leben enthalten.“ Die ganze Menschheitsgeschichte ist also nichts anderes als die Summe aller erlebter Geschichten. „Erst in dem wir die Geschichten anderer hören, erfahren wir, wer wir sind“, lautet die Botschaft Liessmanns. Wenn wir ihnen nur diese wertvolle Zeit des Zuhörens schenken.

Und das ist nicht leicht – in Zeiten wie diesen, wo wir per Mausklick Breaking News aus aller Welt erhalten, das Smartphone uns permanent updatet. Die digitale Wolke hat uns fest im Griff und treibt im multimedialen Informationszeitalter sonderbare Früchte: Während weltweit das Wissen explodiert, zeigt eine Studie auf, dass Nachrichten digitaler Medien, die mehr als zwölf Worte enthalten, von den Menschen nicht mehr richtig verarbeitet werden können. Eine traurige Erkenntnis, der sich gewiefte Staatsmänner auch auf Twitter bedienen. Die große Weltpolitik, unreflektiert in 280 Unicode-Zeichen gegossen. Was läuft hier falsch?

Es klingt so wenig und ist so viel. Das Geschichtenerzählen. Das Erlebte, das nach außen drängt und damit auch die Realität des Zuhörers verändert. Die Geschichten, die ihr uns, liebe Leserinnen und Leser, erzählen und die wir niederschreiben dürfen, sind für uns einzigartig. So einzigartig wie euer Leben, über das wir Monat für Monat berichten – und dafür nehmen wir uns gerne Zeit. Gemeinsam. Auch in dieser Ausgabe haben wir wieder vieles zusammengetragen, was euch interessieren und – so hoffen wir – auch bewegen wird. Habt viel Vergnügen mit unserer November-Ausgabe und schenkt uns weiter euer Vertrauen – eure Geschichten sind bei uns gut aufgehoben.

Herzlichst,
Eure Angelica Pral-Haidbauer,
Chefredakteurin

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