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People | 30.05.2017

"Lesen ist Horizonterweiterung"

Anlässlich der „achensee.literatour“ las die erfolgreiche Autorin Sabine Gruber in kürzlich hier in Tirol aus ihrem Buch "Daldossi oder das Leben des Augenblicks". Wir haben mit ihr über das Schreiben und die Macht der Literatur gesprochen.

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Foto: Gunther Glücklich

Sabine Gruber nimmt sich Themen an, die tief schürfen. Im aktuellen Roman „Daldossi oder das Leben des Augenblicks“ stellt sie dem Leser Bruno vor, einen Kriegsfotografen, der durch die sinnlichen Eindrücke und grausamen Erlebnisse in Kriegsgebieten abgestumpft wurde und sich nun mit 60 Jahren auf Lampedusa wiederfindet. Wir haben mit der Autorin, die aus Südtirol stammt und in Wien lebt, über Literatur in der heutigen Zeit und neue Projekte gesprochen.

TIROLERIN: Wie kamen Sie zum Schreiben?

Sabine Gruber: Ich habe schon als Kind geschrieben, ich kenne kein Leben ohne Schreiben. Projekte ergeben sich aus bestimmten Lebenssituationen und Interessen. Ich habe erst vor wenigen Monaten meinen langjährigen Lebensgefährten verloren. Seither denke ich darüber nach, wie Menschen auf einen Todesfall reagieren, wie sich Verdrängung und Trauer äußern.

Wie wichtig ist Recherche?

Für mich ist Recherche sehr wichtig. Das eigene Leben ist viel zu langweilig, um darüber schreiben zu können. Außerdem bin ich sehr neugierig und wissbegierig.

Für „Daldossi oder das Leben des Augenblicks“ haben Sie die Geschichte eines Freundes verarbeitet. Können Sie das genauer erläutern?

Es ist nicht die Geschichte eines Freundes. „Daldossi“ und auch die anderen Figuren des Romans sind frei erfunden. Der Tod des Kriegsreporters Gabriel Grüner, mit dem mich eine 17 Jahre lange Freundschaft verband, war Anlass, mich mit dem Thema Kriegsfotografie zu beschäftigen. Grüner ist 1999 mit 35 Jahren erschossen worden, Daldossi ist Anfang 60, ein kaputter Typ, er hat seinen Beruf überlebt – das sind völlig unterschiedliche Biografien.

In diesem Buch werden ganz konkret aktuelle Themen wie Krieg oder die Flüchtlingskrise  aufgegriffen: Wie wichtig ist es, dass Literatur heute politisch ist?

Die Frage ist, was ist „politisch“? Auch die Beziehungen zwischen den Geschlechtern sind politisch. Wichtig ist für mich das ästhetische Verfahren, wie ein Stoff formal umgesetzt wird. Aber es ist schön, wenn einem ein aktueller Bezug gelingt.

Was kann die Literatur heute bewegen?

Ich habe die Erfahrung gemacht, dass Texte sehr viel bewegen können. Nachdem mein Roman „Über Nacht“ erschienen war, ein Buch, in dem eine Figur ein Spenderorgan erhält, haben sich zahlreiche Leser in Deutschland einen Spenderausweis besorgt. Das hat mich besonders gefreut. Lesen ist Horizonterweiterung, Einfühlung in fremde Lebenswelten. Es macht uns im besten Fall sensibler, offener.

Sie engagieren sich auch in der Literaturszene: Das von Ihnen mitorganisierte Festival „WeinLESEN“ findet heuer zum zweiten Mal statt. Was machen solche Festivals aus?

Ich habe schon vor mehr als 30 Jahren die „Kulturtage Lana“ mitbegründet. Es ist wichtig, die Literatur in Gegenden zu bringen, wo es keine Literaturhäuser oder altbewährte Vermittlungsinstitutionen gibt. Im Kloster Neustift hat schon Pasolini für seinen Film „Decameron“ gedreht, das ist ein bezaubernder Ort, an dem auch noch beste Weißweinlagen zu finden sind. Die Kombination macht es dann aus: internationale Literatur, Diskussionsveranstaltungen, gute Weine, eine großartige Atmosphäre.

Auch auf der im Mai stattfindenden „achensee.literatour“ trafen unterschiedlichste Autoren aufeinander: Was verändert sich, wenn Literatur gemeinsam rezipiert wird?

Ich höre gerne die Lesungen von Kollegen, auch weil der persönliche Vortrag der Erschließung eines Textes förderlich ist. Anspruchsvolle Literatur hat es jedoch manchmal schwer beim Publikum, umso mehr schätze ich jene aufmerksamen Zuhörer, die auf Texte reagieren. Das Publikum ist die erste Kritikerinstanz, manchmal ist es kompetent, manchmal weniger.

Ein Literaturtipp: Was lesen Sie zurzeit?

Ich lese „Verfahren eingestellt“ von Claudio Magris, ein Buch über einen Besessenen, der Objekte für ein Kriegsmuseum sammelt, das dem Frieden dienen soll. Magris ist sicher einer der größten europäischen Schriftsteller unserer Zeit, er richtet sein Augenmerk oft auf Grenzgebiete, in seinem aktuellen Buch auf Triest, das immer schon eine Vielvölkerstadt war.

Wovon werden wir als Nächstes bei Ihnen lesen?

Es gibt mehrere Pläne. Es beschäftigen mich unter anderem die Aufzeichnungen meines Südtiroler Großonkels Luis Gruber, der im April 1943 von der Deutschen Wehrmacht eingezogen wurde und bis zehn Tage vor seinem Tod im Jänner 1944 Tagebuch geführt hat. Er kommt aus einer Familie, in der ein Teil 1939 für das Deutsche Reich optiert hat, der andere für Italien – eine äußerst interessante Ausgangsposition für einen Roman.

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