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People | 04.10.2017

Leben, lieben, lachen

Etwa 500 Tirolerinnen erkranken pro Jahr an bösartigem Brustkrebs. Ein ehrliches Gespräch mit der Betroffenen Angelika Neuner, Anita Singer von der Krebshilfe Tirol und Christian Marth, Direktor der Gynäkologie an der Innsbrucker Klinik, über Früherkennung, neue Therapiemöglichkeiten und seelische Narben.

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© Martin Vandory

Ein Schock. Eine Nachricht, die von jetzt auf gleich alles verändert. Brustkrebs. Ein Wort, das alle Prioritäten mit einem Schlag verschiebt. Angelika Neuner hat genau das erlebt. „Es traf mich wie ein Blitz“, erzählt die 47-jährige Mutter zweier Kinder, bei der im Februar 2016 Brustkrebs diagnostiziert wurde. Die Behandlung verlief erfolgreich, eine Chemotherapie blieb ihr erspart.

Angelika Neuner, Anita Singer von der Krebshilfe Tirol sowie Christian Marth, Chef-Gynäkologe der Innsbrucker Klinik, sprachen mit der TIROLERIN über kräftezehrende Therapien, finanzielle Engpässe und Unterstützung für Angehörige. 

TIROLERIN: Frau Neuner, bei Ihnen wurde im vergangenen Jahr Brustkrebs diagnostiziert. Erzählen Sie uns Ihre Geschichte.

Angelika Neuner: Meine Geschichte hat eigentlich 2009 mit dem Tod meines Mannes angefangen. Ich schließe das immer mit ein, weil ich mich frage, ob sein Tod auch zum Ausbruch der Krankheit geführt hat. Als mein Mann an einem Motorradunfall starb, brach für mich eine Welt zusammen. Meine Kinder waren damals vier und zehn Jahre alt. Ich habe mich dann nach ein paar Jahren wieder gefangen und auch einen ganz lieben neuen Partner kennengelernt. Ein Jahr danach bekam ich dann die Diagnose. Der Tumor wurde im Rahmen einer Vorsorgeuntersuchung gefunden, das war bei einem Ultraschall.

Herr Dr. Marth, wann wird eine Ultraschalluntersuchung anstatt einer Mammografie durchgeführt?

Christian Marth: Die Hauptuntersuchung ist die Mammografie. Damit kann der Großteil der Tumoren frühzeitig entdeckt werden. Wenn die Brust sehr dicht ist, kann die Mammografie unzureichend sein. In dieser Situation hilft man sich mit einer zusätzlichen Ultraschalluntersuchung weiter. Wichtig ist, dass es sich um eine Ergänzung und keinesfalls um einen Ersatz für die Mammografie handelt.

Frau Neuner, hat für Sie irgendetwas auf die Krankheit hingedeutet?

Angelika Neuner: Nein. Ich habe keinen Knoten gespürt. Genau deshalb ist die Vorsorgeuntersuchung auch so wichtig. Das ist die Botschaft, die ich allen gerne mit auf den Weg geben will. Ich war eigentlich immer dahinter und bin alle zwei Jahre zur Untersuchung gegangen. Bei mir war der Krebs erst ganz am Anfang, dadurch blieb mir vieles erspart. Die Biopsie ergab, dass der Tumor bösartig ist. Einen Monat später wurde er operativ entfernt. Ich hatte dann 28 Bestrahlungen, die Chemotherapie blieb mir erspart. Darüber bin ich sehr froh. Aber gerade wenn man keine Chemotherapie hat, ist es oft schwer, anderen Menschen zu vermitteln, dass man krank ist. Krebs wird sehr oft mit Chemo gleichgesetzt. Da heißt es dann: Du schaust eh gut aus. Äußerlich mag das sein. Aber auch nach der OP bleiben Spuren im Körper. Die Bestrahlung hinterlässt ebenfalls Spuren mit Verbrennungen. Nicht zu vergessen die seelischen Narben. Ich kann noch nicht sagen, wie lange das anhält. Aber die Angst, dass der Krebs wiederkommt, bleibt sicher noch für einige Jahre.

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"Nicht aufhören zu kämpfen" ist das Motto von Angelika Neuner. Bei ihr wurde 2010 Brustkrebs diagnostiziert. © Martin Vandory

Herr Dr. Marth, wie schwerwiegend ist die Diagnose aus psychologischer Sicht?

Christian Marth: Die Diagnose Brustkrebs und die Behandlung hinterlassen oberflächliche Narben, aber auch tiefe seelische. Daher ist es sehr wichtig, dass betroffene Frauen psychologisch betreut werden. Mit Wegschneiden und Bestrahlen ist es nicht getan. Gerade die Krebshilfe hat umfassende Beratungs- und Betreuungsangebote für Frauen, die sich das vielleicht selbst nicht leisten können. Es ist sehr positiv, dass es hier die Möglichkeit gibt, sehr niederschwellig Zugang zu finden.

Frau Singer, im internationalen Brustkrebsmonat Oktober rückt das Thema in den Vordergrund.  Außerdem gibt es heuer Pink-Ribbon-Jubiläen.

Anita Singer: Richtig. Pink Ribbon gibt es weltweit seit 25 Jahren und in Österreich seit 15 Jahren. Ziel der Initiative ist es, auf die Wichtigkeit der Früherkennung hinzuweisen. Nicht zuletzt sammeln wir Spenden, um Betroffenen rasch und unbürokratisch mit Rat und Tat zur Seite zu stehen.

Was sollen Betroffene tun, die aufgrund der Erkrankung in finanzielle Engpässe geraten?

Anita Singer: Wir haben österreichweit einen Soforthilfe-Fonds für alle Krebspatienten. Jeder, der aufgrund seiner Krankheit in finanzielle Nöte gekommen ist, kann sich an uns wenden. Für mich ist es immer wieder sehr erschreckend, wie schnell man aufgrund einer Erkrankung wie Krebs in finanzielle Bedrängnis geraten kann. Viele können eine Zeit lang nicht mehr arbeiten, bekommen weniger Geld, haben aber die gleichen Kosten. Oder sogar noch mehr Kosten wegen zusätzlicher Dinge, die ihnen guttun, wie etwa Massagen. Und leider kommt es auch vor, dass Betroffene im Krankenstand gekündigt werden. Da habe ich schon wirklich Schlimmes erlebt, wenn Menschen mir gegenübersitzen und eine Stunde lang weinen. Uns ist es wichtig, dass niemand mit der Diagnose Krebs allein bleibt. Wir sind eine Spenden sammelnde Organisation und Aktionen wie Pink Ribbon helfen uns sehr, neben den kostenlosen Beratungsleistungen auch finanzielle Soforthilfe anzubieten.

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Dr. Christian Marth betont die Wichtigkeit der Mammografie. © Martin Vandory

Angelika Neuner: Ich habe Gott sei Dank einen Arbeitgeber, der mir nie Druck gemacht hat. Ich arbeite bei der Marktgemeinde Zirl als Assistentin in der Kinderkrippe. Und habe von vielen Patientinnen in der Reha gehört, dass sie keine Arbeit mehr haben. Das ist einfach schrecklich. Dass ich diesen Druck nicht hatte, hat sicher auch zur Genesung beigetragen. Ich habe ein Büchlein bekommen, in das jedes Kind einen Eintrag geschrieben hat. Das war für mich sehr emotional und hat mich extrem aufgebaut. Das hat mir so viel Mut und Kraft gegeben.

Gerade für Kinder ist die Diagnose sicher sehr schwer zu verarbeiten.

Angelika Neuner: Für meine eigenen Kinder war die Diagnose nach dem Tod ihres Vaters natürlich ein Schlag. Innerhalb von acht Jahren zwei Schicksalsschläge. Und die Angst, die Mutter auch noch zu verlieren. Aber ich habe von Anfang an gesagt: Das geht gut aus. Die Mama packt das. Ich habe den Ärzten vertraut. Meine Kinder und mein neuer Partner haben mich auch immer wieder aus dem Sumpf herausgezogen. Und natürlich auch die ganze Familie und meine Freunde.

Christian Marth: Gerade kleine Kinder bekommen oft viel mehr mit, als man meint. Daher ist es auch wichtig, dass man mit den Kindern spricht, dass man das auffangen kann. Auch hier gibt es Unterstützung von Psychoonkologen. Kinder ziehen sich auch oft zurück und reden gar nichts mehr.

Anita Singer:  Wir haben seit heuer ein neues Projekt: „Mama, Papa hat Krebs“. Im Rahmen dieser Aktion gibt es eine eigene Psychologin, die ganz speziell für Kinder und Jugendliche zur Verfügung steht.

Frau Neuner, haben Sie seit dieser Erfahrung andere Prioritäten im Leben?

Angelika Neuner: Ich lebe sicher viel bewusster. Ich stehe auf und denke: Ich möchte leben, lieben, lachen. Was braucht ein Mensch mehr? Ich habe so viele tolle Freunde. Ein so tolles Umfeld. Und ich muss niemandem mehr etwas beweisen. Auch mir selbst nicht. Ich möchte es einfach fein haben.

Herr Dr. Marth, man hat das Gefühl, dass immer mehr Frauen an Brustkrebs erkranken. Täuscht dieser Eindruck?

Christian Marth: In den letzten Jahren hat die Häufigkeit nicht zugenommen, aber es wird sicher insgesamt mehr darüber gesprochen. Es sind in Österreich etwa 5.000 Frauen, die jedes Jahr an Brustkrebs erkranken und 500 in Tirol. 

Was hat sich im Bereich der Therapiemöglichkeiten getan?

Christian Marth: In den vergangenen Jahren ist extrem viel passiert. Es gibt ganz neue Medikamente, die eine völlig neue Dimension in der Behandlung eröffnen. Auch in die Immuntherapie setzen wir große Hoffnung. Hier bringen wir dem Immunsystem bei, den Krebs wiederzuerkennen und auch abzustoßen. In diesem Bereich laufen gerade zahlreiche Studien. Es hat also wirklich entscheidende Schritte nach vorne gegeben, noch nie waren die Heilungsaussichten so gut wie heute.

Was können Frauen in Sachen Vorsorge tun?

Christian Marth: Man muss zwischen Früherkennung und Vorsorge unterscheiden. Früherkennung heißt, dass die Krankheit rechtzeitig entdeckt werden kann. Das sind Mammografie und Ultraschall. Das ist für eine Heilung wichtig, aber  keine Vorsorge. Das Risiko, an Brustkrebs zu erkranken, kann aber auch – wenn auch bescheiden – beeinflusst werden. Wir wissen etwa, dass regelmäßiger Ausdauersport und eine gesunde Lebensweise das Entstehen der Krankheit vermindern und Hormone im Wechsel oder Alkoholkonsum das Risiko steigern können. Es spielen ganz viele Faktoren eine Rolle, die wir nicht kennen und auch nicht beeinflussen können.

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Anita Singer von der Krebshilfe Tirol © Martin Vandory

Wer kann wann zur Mammografie gehen?

Christian Marth: Prinzipiell kann man ab 45 Jahren zur Mammografie gehen und dann ist die E-Card für zwei Jahre gesperrt. Man kann sich aber, wenn man eine Hotline anruft, bereits ab 40 entsperren lassen. In Tirol hatten wir über mehrere Jahre ein System, bei dem wir die Untersuchung jedes Jahr angeboten haben. Wir konnten zu dieser Zeit internationale Spitzenergebnisse bei der Früherkennung erzielen. Wir fürchten schon, dass diese Ergebnisse nicht gehalten werden können. Es ist jedenfalls sehr wichtig, regelmäßig zur Untersuchung zu gehen.

Angelika Neuner: Ich habe Arzttermine immer regelmäßig wahrgenommen. Wenn Freundinnen das nicht so ernst genommen haben, habe ich immer gesagt: Geht doch. Ich denke schon, dass auch meine Krankheitsgeschichte jetzt zeigt, was mit Früherkennung gemacht werden kann.

Seit Jahren wird über Vor- und Nachteile der Früherkennung diskutiert. Wie sehen Sie die Gefahr von Überdiagnosen?

Christian Marth: Das ist ein sehr heikles und stark diskutiertes Thema. Unter Überdiagnose verstehen wir, dass es einen positiven Befund gibt, also die Frau Brustkrebs hat und die gesamte Behandlung bekommt, diese aber in Wirklichkeit nicht notwendig gewesen wäre, weil der Brustkrebs nie ausgebrochen wäre oder die Frau nicht an diesem Brustkrebs verstorben wäre. Wenn bei einer älteren Patientin mit zusätzlich vielen Krankheiten im Screening ein kleiner Brustkrebs diagnostiziert wird, ist es gut möglich, dass die Lebenserwartung mehr von den anderen Krankheiten beeinflusst wird als vom bösartigen Tumor. Wir gehen aber davon aus, dass der Anteil an wirklichen Überdiagnosen bei echten, bösartigen Erkrankungen sehr, sehr gering ist. Leider verursachen die allermeisten bösartigen Tumoren innerhalb kurzer Zeit dramatische Symptome. Wo wir sicher Überdiagnosen stellen, sind bei den Krebsvorstufen. Hier kann es manchmal zehn Jahre dauern, bis sie ausbrechen. Bei diesen Krebsvorstufen kann es also möglich sein, dass die Patientinnen den Ausbruch der Krankheit nicht erleben. Neue Tests sollen uns da helfen, das Risiko besser zu beurteilen.

Frau Neuner, wie geht es bei Ihnen weiter?

Angelika Neuner: Meine letzte Bestrahlung war letztes Jahr im Juni. Ich habe alle drei Monate eine Untersuchung. Das Thema beschäftigt mich natürlich laufend. Das Ganze ist für mich nicht abgeschlossen. Wichtig ist: nicht aufhören zu kämpfen. Aus Liebe zum Leben. Das ist das Um und Auf.


PINK RIBBON

Tourstopp. Die Pink-Ribbon-Tour 2017 macht am 20. Oktober Halt in Innsbruck. Ab 10 Uhr erhalten Interessierte in den Rathausgalerien vor dem Bürgerservice Informationen über Brustkrebsvorsorge und -früherkennung.

Angehörige. Auch für Angehörige ist die Krebshilfe Tirol da. Es gibt umfassende Broschüren zum Thema. Auch persönliche Beratungen sind möglich. Nähere Informationen gibt es auf www.krebshilfe-tirol.at.

Jubiläum. Pink Ribbon feiert international  25-jähriges Jubiläum. In Österreich gibt es Pink Ribbon seit 15 Jahren. Nähere Infos unter www.pinkribbon.at.

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