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People | 06.09.2017

Wenn Lebensfreude ansteckt

Mehr als 70 Jahre stand Julia Gschnitzer auf der Bühne und vor der Kamera. Die 85-Jährige teilt im Gespräch mit der TIROLERIN ihre Gedanken über das Leben, den Glauben und den Tod. Ein ehrliches Interview mit einer beeindru- ckenden Frau.

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© Birgit Pichler

Julia Gschnitzer sprüht vor Energie. Ihre Augen strahlen Lebensfreude und Klarheit aus. Beim Interview im Büro der TIROLERIN zieht es die gebürtige Innsbruckerin zunächst zu einem Bild, das die Nordkette zeigt. Sie betrachtet jedes Detail. Der perfekte Einstieg für ein inspirierendes Gespräch mit einer authentischen Frau. Die 85-jährige Schauspielerin, die seit 26 Jahren in der Nähe von Salzburg  lebt, erzählt, warum sie das Leben mit all seinen Facetten jeden Tag liebt und sich nicht vorstellen kann, irgendwann „nicht mehr da zu sein“.

TIROLERIN: Das Bild mit der Nordkette scheint Sie magisch anzuziehen. Waren Sie selbst viel am Berg?

Julia Gschnitzer: Ja, das war meine Leidenschaft. Ich habe alle Rollen beim Wandern gelernt und hatte das Textbüchl immer im Rucksack. Am Berg war ich immer in bester Verfassung. Am Berg ging es mir immer gut.

Wie geht es Ihnen in der Pension?

Es geht mir gut damit. Ich habe instinktiv erkannt, dass meine Zeit vorbei ist. Das Gedächtnis lässt nach. Die Angst, auf der Bühne zu stehen und nicht mehr weiter zu wissen, wurde immer größer. Ich habe so viel gespielt, Privatleben gab es eigentlich nicht. Jetzt kann ich mich, wenn ich Lust habe, einfach hinsetzen und Musik hören oder lesen. Der Kopf ist frei für anderes. Ich habe ja immer gelernt und gespielt und gelernt und gespielt. Das ist das Leben einer Schauspielerin, wenn es einen so erfüllt wie mich. Ich hätte gerne Familie und Kinder gehabt, aber ich wusste, dass ich das nicht miteinander verbinden kann. Ich hätte nicht die so notwendige Geborgenheit geben können.

Bereuen Sie manchmal, nie Kinder gehabt zu haben?

Nein. Ich bereue es nicht, weil mein Berufsweg wirklich wunderbar abgelaufen ist. Ich hätte es mir für mich gar nicht schöner wünschen können.

Sie sind vor einem halben Jahr 85 geworden. Haben Sie das Gefühl, dass die Zeit zu schnell vergangen ist?

Je älter man wird, desto schneller vergeht die Zeit. Da möchte man nur noch auf die Bremse steigen. Einem ist klar: Es kann nicht mehr lange sein. Die Grenze kann stündlich da sein, bei jedem. Aber je älter man wird, desto näher rückt es. Und dadurch empfindet man wahrscheinlich, dass alles so wahnsinnig schnell vergeht.

Was bedeutet Glück für Sie?

Glück ... (denkt nach) ... Glück ist, dass ich noch lebe. Dass ich das Leben noch genießen kann. Es ist nicht immer gleich, aber ganz generell freue ich mich, wenn die Sonne scheint. Wenn meine Vögel am Balkon sich gegenseitig füttern und lieb zueinander sind. Ich freue mich über jeden Säugling im Kinderwagen. Über schöne Bekanntschaften und Freunde. Ich glaube, es liegt in uns, wie fähig wir sind, Glück zu spüren, anzunehmen und zu fühlen. Das ist eine Veranlagung, denke ich. Ich bin, was mich selbst betrifft, jedenfalls sehr zufrieden und dankbar. 

Sie strahlen viel Lebensfreude und Energie aus. Woher kommt das?

Ich gestehe, darüber nachgedacht habe ich eigentlich kaum. Ich habe immer gemacht, getan und Glück gehabt. Auch mit dem Werdegang. Vor allem war ich ein Naturtalent. Ich habe gespielt, bevor ich irgendeinen Unterricht hatte. Ich wusste auch, ich will Theater spielen, obwohl ich nie ein Theater gesehen habe. Ich wollte Schauspielerin werden und hatte keine Begegnung damit. Ich weiß nicht, woher das kam.

 

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© Birgit Pichler

Ich habe in einem Interview gelesen, dass Sie nicht gläubig sind.

Nein. Ich bin ohne Religion. Ich bin nicht getauft. Meine Eltern sind aus der Kirche ausgetreten. Ich habe nie damit zu tun gehabt. Eines der Bücher, die mein Vater trotzdem am Nachttisch hatte, war die Bibel. Die habe ich auch gelesen. Wenn ich hineinblättere, bleibe ich hängen. Ich stelle mir Gottvater nicht als einen Menschen vor, aber das etwas über uns ist und letztendlich unseren Weg bestimmt, daran glaube ich sehr wohl. Darum bin ich auch keine Kämpfernatur. Ich sage nicht, dies oder jenes muss ich unbedingt. Es ergibt sich oder eben nicht. Er da oben muss mich mögen oder gemocht haben. Ich bin ihm sehr dankbar (lächelt).

Sie haben schon oft in Werken gespielt, die das Thema „Tod und Sterben“ zum Schwerpunkt haben. Wie hat diese Auseinandersetzung mit dem Thema Ihren Blick darauf verändert?

Im jeweiligen Moment natürlich schon. Mein Ziel war immer, mich in einer Rolle aufzulösen, ohne mich zu verlieren. Ich muss sie ja darstellen. So in die Figur einzutauchen, dass ich sie mir wie ein Kleid überstülpen kann. Da beschäftige ich mich dann sehr wohl damit. Ich sehe teilweise an alten Fotos, dass ich ein vollkommen anderes Gesicht habe. Vor allem bei langen Probenphasen verändert man sich sogar äußerlich. Im Unterbewussten wird es schon was ausmachen. Aber ich bin Gott sei Dank keine Grüblerin. Jetzt auf meine alten Tage muss ich da ein wenig auf mich schauen, dass ich nicht zu grübeln anfange. Ich gestehe, ich kann mir gar nicht vorstellen, dass ich einmal nicht mehr lebe. Ich weiß, dass das der Fall sein muss und wird, aber das geht über meine Vorstellung.

Haben Sie Angst vor dem Tod?

Nein. Wir wissen alle: Das bleibt keinem von uns erspart. Den Weg gehen wir alle irgendwann. Ich wünsche mir, dass es verhältnismäßig schmerzlos geht. Man liest immer wieder ‚sanft entschlafen‘. Wenn mir das auch noch gegönnt ist, dann ist es mir gleich, ob es heute in der Nacht passiert oder in zwei Jahren. Ich lebe allein und den Gedanken, dass ich in der Nacht aufwache und nicht mehr aus dem Bett komme, muss ich wegschieben. Sonst bekomme ich ein wenig Angst. Aber gleichzeitig: Für alles vorsorgen, das kann man nicht. Da wird man schon allein davon krank.   

Was wünschen Sie sich für die Zukunft?

Wünsche für die Zukunft ...  Ich habe eigentlich keine direkten Wünsche. Oder doch. Ich möchte gern noch nach Krakau. Ich weiß nicht warum. Ich weiß nur, dass die Stadt sehr schön ist. Ich möchte da bald hin. Sonst habe ich nicht mehr viele Wünsche. Ich bin zufrieden und dankbar, wenn es so noch ein Weilchen geht (lächelt).

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© Birgit Pichler
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