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People | 19.12.2017

„Nur schön? Uninteressant!“

Mit ihren Bildern erzählt sie Geschichten, weckt Emotionen. Ihre Fotos und Kampagnen gingen um die Welt. Die gebürtige Osttirolerin Inge Prader spricht über die Faszination der Fotografie, die vielen Facetten der Schönheit und ihre Definition von Glück.

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Foto: Birgit Pichler

Tiefenentspannt und mit einem breiten Lächeln begrüßt uns Inge Prader. Die gebürtige Osttirolerin zählt zu den besten Fotografinnen des Landes. Welche Spuren  die vielen Jahre in der glamourösen Modewelt hinterlassen haben, warum sie von der Ich-Gesellschaft genug hat und sie neuerdings Kühe ins rechte Licht rückt, erzählt sie im Gespräch mit der TIROLERIN.   

TIROLERIN: Wen oder was fotografieren Sie am liebsten?
Inge Prader: Viele Fotografen sagen, gerade mit Tieren und Kindern ist es schwierig, weil sie tun, was sie wollen, und nicht, was du willst. Genau diese zwei Bereiche sind mir aber neben der Essensfotografie am liebsten, weil es etwas komplett Anderes ist. Nach so vielen Jahren Mode und Stars ist das herrlich abwechslungsreich.

Wie kam es dazu, dass Sie auch für Kochbücher fotografieren?
Das aktuelle Buch „Von Sunset zu Sunrise“ war schon das fünfte Kochprojekt, bei dem ich mitgewirkt habe. Das Ganze ist sicher auch altersbedingt. Die Modewelt ist sehr hektisch und schnell. Wenn man das so lange gemacht hat wie ich, mag man es mit der Zeit auch einmal ein wenig ruhiger. Es war eigentlich reiner Zufall. Mein Mann und viele meiner Freunde sind sehr gute Köche. Während eines Urlaubs habe ich ein wenig beim Kochen fotografiert. Ich habe die Fotos den Gastgebern geschenkt und sie waren begeistert. Da kam die Idee auf, das auch mal professionell zu probieren. Das hat super funktioniert. Das Buch hat sich sehr gut verkauft. Und wenn man mal drinnen ist in einer Branche, ist das ein Selbstläufer. Das Buch „Wie schmeckt Osttirol?“ war dann ein echtes Herzensprojekt. Ich wollte schon immer etwas über meine Heimat machen. Ich habe durch die Arbeit an dem Buch ganz viele schöne Täler entdeckt, die ich nicht kannte. Das kann mit Tibet oder Nepal mithalten. Totale Einsamkeit, schroffe Landschaften. Das ist wirklich schön.

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Foto: Inge Prader

Neben kulinarischen Genüssen begeben Sie sich seit Kurzem auch auf die Spuren von Kühen.
Nach dem Osttirol-Buch, das ein Riesenerfolg wurde, hat sich der Obmann des Tiroler Grauviehzuchtverbandes bei mir gemeldet. Er wollte für seinen Verband zum Jubiläum nächstes Jahr ein ähnliches Buch. Aber eben über das Grauvieh in Tirol. Ich bin also die ganze Zeit auf den Fersen von grauen Kühen (lacht). Auf einer Alm. Das ist so eine nette Arbeit. Almabtrieb, Stierversteigerung: eine ganz neue Welt für mich. Das Buch wird im September 2018 veröffentlicht.

War Fotografin immer Ihr Traumberuf? Welchen Weg hätten Sie sonst eingeschlagen?
Das war Zufall. Ich wollte nicht mehr zur Schule gehen. Bei einem Fotografen war eine Stelle frei. Es ist völlig ungeklärt, was gewesen wäre, wenn ich bei einem Schuster oder Friseur angefangen hätte (lacht). Aber es war das Richtige, sonst wäre ich nicht geblieben. Ich finde es einen wahnsinnig tollen Job, weil man in Welten eintauchen kann, die man sonst nie kennenlernen würde.


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Foto: Inge Prader

Welche Erfahrung oder welche Person ist Ihnen in all den Jahren am meisten in Erinnerung geblieben?
Zu den Höhepunkten meiner Karriere zählt das Zusammentreffen und Arbeiten mit Wolfgang Joop. Damals hatte ich den Auftrag, Porträtfotos von ihm zu machen. Als ich dort war, meinte er, es gebe genug Fotos, wir sollten ein vorhandenes nehmen. Der Redakteur entschied, eine coole Modegeschichte mit seinem neuem Label „Wunderkind“ zu machen und ihm zu schicken. Davon war er so begeistert, dass er meinte, ich könne kommen. Ich habe ihn in seiner Prachtvilla fotografiert, er schaute das Foto an und meinte: „Das gefällt mir sehr gut. Das ist wie von der Annie Leibovitz für Vanity Fair.“ Er fragte: „Machst du Mode? Kannst du die Kampagne für mein neues Label machen?“ Das erste Shooting war dann wirklich witzig. Es gab klare Vorgaben, wie die Bilder ausschauen sollten. Ich kam mit zwei LKWs an Equipment dorthin, das war wahnsinnig aufwändig in der Vorbereitung. Und Joop meinte: „Ich habe es mir anders überlegt. Wir gehen auf den Acker und stellen das Model dahin. Ich sehe da diese Weite.“ Es schüttete in Strömen und es gab starken Wind. Wir haben dann ohne technischen Aufwand fotografiert. Die Bilder waren super, wir waren beide begeistert. In einem Interview meinte er nachher, ich sei so herrlich unaufgeregt gewesen. Dabei war ich so aufgeregt, dass ich nichts gesagt habe. Ich war wie paralysiert (lacht). Mittlerweile sind wir, könnte man sagen, befreundet, es gab dann noch viele weitere Kampagnen. Das war die große weite Welt. Eine spannende Zeit.

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Foto: Inge Prader

Sie hatten schon viele Topmodels vor der Kamera. Was macht für Sie Schönheit aus?
Man bekommt einen anderen Blick auf Schönheit. Am Anfang lässt man sich von dem Glamour blenden.
Gerade für einen jungen Menschen ist es verlockend, da reinzukippen. Meinem Umfeld und auch meinem Mann ist es zu verdanken, dass ich immer am Boden geblieben bin. So betrachtest du dann auch die Schönheit. Du siehst oft hinter die Kulissen. Da zerbröckelt und zerbröselt vieles, was einem so schön erscheint. Und die wirklich schönen Dinge im Leben sind ganz andere, als dass eine Frau oder ein Mann sehr schön oder sehr reich ist. Die Models sind teilweise blutjung, kommen irgendwo aus einem ukrainischen Dorf, und weil sie so wahnsinnig schön sind, landen sie dann plötzlich in Paris. Das musst du mit 16 oder 17 Jahren erstmal verkraften. Natürlich liebe ich Schönheit. Ich versuche aber, auch die Schönheit auf den zweiten Blick zu finden und nicht nur die oberflächliche Fassade.

Ist mit den sozialen Netzwerken Instagram und Co. ein neues Zeitalter in Sachen Models und Selbstvermarktung angebrochen?
Ich habe mich lange dagegen gewehrt und war weder auf Instagram noch auf Facebook. Irgendwann habe ich mich überreden lassen und bin jetzt dabei (überlegt). Es ist ein Fluch und ein Segen zugleich. Man ist besser vernetzt und leichter erreichbar. Man findet auch wieder Menschen, die man bereits aus dem Blick verloren hatte. Die schlechte Seite ist, dass es wahnsinnig viel Zeit kostet. Dieses ständige Ich, diese alles überstrahlende Ich-Gesellschaft ist schon sehr zu hinterfragen. Viele leben dadurch in einer Art Blase. Durch diese Algorithmen kriegst du genau das, was dich interessiert. Du bist in einer abgeschlossenen Blase und bekommst alles, was sich außerhalb abspielt, nicht mehr mit. Man sollte sich zwischendurch von dieser Ich-Gesellschaft mal runterholen und aus seiner eigenen in eine andere Blase blicken.

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Foto: Inge Prader

Was ist Ihnen in Ihrem Leben wichtig? Was macht Sie glücklich?
Je nach Altersabschnitt war das unterschiedlich. Jetzt ist mir wichtig, die Zeit, die ich noch habe, wertvoll und achtsam zu verleben. Zu schauen, wie geht’s den anderen mit dem, was ich tue. Wenn du über 60 bist, beschäftigst du dich mehr mit dem natürlichen Ende des Lebens. Als das früher meine Mutter sagte, habe ich nur gelacht. Aber es stimmt schon, das Ende rückt näher. Die Zeit, die man noch hat, wird weniger. Ich muss überlegen, was ich noch gern machen möchte. Weil alles, was ich noch machen will, geht sich sicher nicht mehr aus.

Das klingt nicht nach einer bedrückenden Schwere.
Nein, gar nicht. Was mir zunehmend auf die Nerven geht, ist, dass das Älterwerden so tabuisiert wird und sich alle operieren müssen. Dieser Trend herrscht in den USA, vor allem in Hollywood vor. Es ist ein Drama, wie die alle ausschauen, und ich fürchte, das schwappt zu uns herüber. Ich finde, Falten und Leben in einem Gesicht sind nichts Schlimmes. Lahmgelegte und geglättete Gesichter haben fast keine Mimik mehr. Schönheit kommt auch von innen. Es kann jemand makellos schön sein, aber wenn er kein Leben und keine Ausstrahlung hat, wird er ganz schnell uninteressant.

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Foto: Birgit Pichler
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