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People | 08.09.2017

Raus aus der Filterblase

Für Corinna Milborn müssen Themen und Meinungen ungefiltert auf den Tisch kommen. Nicht nur im Gespräch mit den Spitzenkandidaten der anstehenden Wahl, sondern auch beim Disput mit Felix Baumgartner. Wir haben mit der Tiroler Journalistin ein Gespräch über spannende Kandidaten, verantwortungslose Politik und modernen Feminismus geführt.

Bild Corinna Milborn (c) Armbruster_sRGB.jpg
© ProSiebenSat.1 PULS4

In Salzburg geboren und in Tirol aufgewachsen, reiste Corinna Milborn vor ihrer Karriere im Fernsehen unter anderem als Menschenrechtsbeobachterin durch Krisenländer und machte sich in ihren Publikationen für Frauenrechte stark. Dass das Frauenthema für ProSiebenSat.1 PULS4 Infodirektorin Corinna Milborn auch im Alltag ständig verteidigt werden muss, zeigte ein Wortwechsel, den Milborn mit Felix Baumgartner führte, der die Moderatorin auf ihr Aussehen reduzierte. In Kürze leitet sie im Wahlkampf 2017 auf PULS4 die Duelle mit den Spitzenkandidaten, bei denen es wohl gemäßigter zugehen wird, aber nicht weniger heiß. Wir haben vorab mit der Tirolerin neben anderen Themen, auch über die vorangegangenen Diskussionen mit den Spitzenkandidaten gesprochen und uns ihre Einschätzungen zur bevorstehenden Wahl angehört.

 

TIROLERIN: Am 11. September gehen die Duelle der Spitzenkandidaten auf PULS4 los. Wie war es, die Kandidaten bereits vorab zum eher gemäßigten Sommergespräch zu treffen?

Corinna Milborn: Dafür dass es Sommergespräche waren, war die Situation schon ziemlich angespannt, man merkt, dass der Wahlkampf bereits begonnen hat. Es sind alle konzentriert und nehmen es sehr ernst. Wir haben das Format im Februar bereits geplant und haben uns eher zurückgelehntere Gespräche vorgestellt. Das sind sie aber nicht geworden.

Erwischt man sich, dass man gegen bestimmte Interviewpartner auch Vorurteile hegt?

Bei den Spitzenkandidaten recherchiere ich im Vorhinein so genau, dass ich mir eigentlich ein recht gutes Urteil bilden kann. Als Innenpolitikjournalistin ist man an den Kandidaten auch nahe dran, man trifft sich ja öfter. In diesem Fall also eher nein. Grundsätzlich ist es natürlich so, dass man sich selber schon bewusst machen muss, dass jeder mit Vorurteilen durchs Leben geht und dass man nur durch eine gute Recherche und durch eine sehr offene Einstellung gegenüber jedem, den man trifft, diese Vorurteile überwinden kann. Man muss sich bewusst davon freimachen.

Man schafft es nur so, immer souverän zu bleiben?

Ja, ich habe ja auch eine klare Aufgabe in diesen Gesprächen, nämlich für die Zuseher klar zu machen, welcher Mensch und was für ein Programm geboten wird. Das heißt, es geht eigentlich nie um mich selbst. Deshalb ist es sehr unwahrscheinlich, dass ich auf einen persönlichen Angriff einsteigen würde, weil ich in der Sendung nicht als Privatperson sitze, sondern die Vermittlerin bin.

Hat Sie ein Kandidat besonders überrascht?

Ich fand alle sehr überraschend, weil man den Wahlkampf eben schon spürt. Bundeskanzler Kern war sehr locker und souverän, bei Sebastian Kurz hat man dieses sehr starke Engagement gespürt und auch diesen Willen, wirklich was durchzubringen. Heinz-Christian Strache war zurückhaltender, als ich ihn kenne.

Ist das Taktik oder sind die diesjährigen Kandidaten wirklich authentisch?

Ich habe das Gefühl, dass wir es in diesem Wahlkampf tatsächlich mit authentischen Kandidaten zu tun haben. Kern und Kurz sind erst seit Kurzem in der Politik, bei Strache geht es wirklich um sehr viel, weil er schon lange den Kanzler anstrebt. Ich finde generell, es ist ein Wahlkampf mit guten Kandidaten, bei denen man nicht das Gefühl hat, sie sind übercoacht oder nicht echt, sondern die schon wissen, wieso sie in der Politik sind und diese Einstellung auch vertreten können. Das ist sehr angenehm, beim letzten Wahlkampf wusste man schon, was herauskommen wird. Dieses Mal haben alle ein wirkliches Anliegen zu vertreten, es wird also ein sehr spannender Wahlkampf.

Durch die sozialen Medien bekommen wir auch einen ganz anderen Bezug zu den Kandidaten. Wie wirken sich die sozialen Netzwerke auf den diesjährigen Wahlkampf aus?

Bestimmen wird den Wahlkampf tatsächlich das Fernsehen, wie die Kandidaten hier abschneiden. Die Nachbesprechung wird in den sozialen Medien stattfinden. Ich sehe das mit ziemlicher Sorge an, weil in den sozialen Medien die Aggressivität steigt. Nicht direkt von den Kandidaten, aber diese lassen zu, dass die Anhänger sehr aggressiv agieren und liefern manchmal auch die Vorlagen dazu. Und es ist bedenklich, dass die Kandidaten mit ihrer ausgespielten Werbung genau auf die Interessen der Wähler eingehen können: Man wird also mit einem verzerrten Bild konfrontiert. Wenn ich mich zum Beispiel für Umwelt interessiere, dann kann jeder Kandidat mir in den sozialen Medien den Eindruck vermitteln, Umwelt wäre ein großes Thema für die Partei, obwohl es in Wirklichkeit gar kein Wahlkampfthema ist. Deshalb finde ich es wichtig, dass Information über geschulte Journalisten an die Wähler abgegeben wird oder dass die Kandidaten im Fernsehen auch direkt aufeinandertreffen. Damit kommt man aus dieser Filterblase heraus, in der man nur eine Seite der Dinge hört und vielleicht komplett den Blick fürs Ganze verliert.

 

Bild Corinna Milborn (c) Stefan Armbruster (1).jpg
© ProSiebenSat.1 PULS4

Vor welchen neuen Herausforderungen steht der Journalismus heute?

Wir haben inzwischen sehr viel damit zu tun, Dinge richtigzustellen und Gerüchte nachzuprüfen. Ein Beispiel war vor kurzer Zeit, als ich im Zehn-Minuten-Takt Nachfragen bekommen habe, ob es stimmt, dass Flüchtlinge mit Bussen über den Brenner gebracht werden. Was natürlich ein Gerücht war, das sich von einem Account aus ver-
breitet hat. Journalismus muss heute für verlässliche Information sorgen.

Für Ihre Publikationen haben Sie mit starken Frauen zusammengearbeitet. Vermissen Sie solche Frauen in Führungsetagen?

Ja, absolut. Ich glaube, ein einstelliger Prozentsatz in den österreichischen Führungsetagen sagt alles. Ich finde aber schon, dass sich etwas wandelt. Zumindest bis zu einer gewissen Grenze. Ich habe das Gefühl, dort, wo es dann um Macht und Geld geht, schließen sich die Reihen der männlichen Seilschaften schnell. Wieder dieses Thema der gläsernen Decke.

Was muss sich noch ändern, um diese Decke zu durchbrechen?

Ich glaube, es geht von zwei Seiten aus: Es muss mehr Frauen geben, die es machen wollen und man muss sie auch lassen. Ich glaube auch nicht, dass es auf politischer Ebene ohne Quote geht. Zumindest solange, bis sich das Bild normalisiert.

Wieso wird man heutzutage, auch wie sie als Journalistin, immer noch aufs Aussehen reduziert?

Bei mir ist das nicht so außergewöhnlich, da ich im Fernsehen arbeite und das ja ein visuelles Medium ist. Was ich aber merke, Frauen werden über ihr Aussehen abgewertet. Auch bei Gästen in meinen Sendungen: Während man bei Männern darüber spricht, was sie gesagt haben, redet man bei Frauen eher darüber, was sie anhatten oder ob der Lippenstift zu stark war. Deswegen scheuen sich viele Frauen vor Fernsehauftritten, da das ihre inhaltliche Arbeit entwerten würde. Das ist aber ein Teufelskreis: Es gehen wenig Frauen ins Fernsehen, die dann auch niemandem bei der Besetzung von wichtigen Stellen einfallen und so weiter.

Wie geht Feminismus 2017?

Mit viel Selbstbewusstsein und dem nötigen Kampfgeist. Es ist besser, sich einmal weniger zurückzuhalten als einmal zu viel. 

Zurückgehalten haben Sie sich beim berühmten Kommentar von Felix Baumgartner ja auch nicht. Wenn Sie ihn interviewen dürften, was wäre Ihre erste Frage?

„Was haben Sie sich dabei gedacht?“ Das würde ich ihn fragen, weil mich interessieren würde, was hinter seinem Männer- oder Frauenbild steht.

Findet ein reales Gespräch statt?

Ich habe ihn in eine Sendung eingeladen, darauf hatte er keine Lust. Er hat dann mich in die Schweiz eingeladen, aber ich wollte ihn ja nicht privat treffen.

Was ist Ihrer Meinung nach ein Thema, dass auch innerhalb von Österreich einem größeren Diskussionsforum bedürfen würde?

Das klingt jetzt bestimmt für viele absurd, aber ich glaube das Thema „Migration und Frauen“. Man hat zwar das Gefühl, dass viel darüber geredet wird, aber niemand spricht mit Betroffenen, oder kümmert sich um eine Lösung, wie man die  Situation wirklich ändern kann.

Spricht dieser Missstand generell für die Situation der Diskussionskultur in Österreich?

Ich finde, dass die politische Diskussion in Österreich sehr oberflächlich geworden ist und sehr verantwortungslos. Es werden irgendwelche provokanten Maßnahmen herumgeworfen, zum Beispiel zum Thema Brennergrenze, die kein faktisches Fundament haben, und es bemüht sich kaum jemand, das zu belegen, was er sagt. Es werden auch die Folgen nicht verantwortungsbewusst bedacht. Und es wird wenig umgesetzt. Viele denken, wir seien ein kleines Land und es gehe alles irgendwie durch. Aber ich würde mir wünschen, dass sich unsere Politiker vorstellen, sie seien Minister in Deutschland, wo es noch einen Unterschied macht, was gesagt wird. Einfach weil es eine Weltmacht ist. Ich würde mir für die Politik in Österreich mehr Ernsthaftigkeit und mehr Verantwortungsbewusstsein wünschen.

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