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People | 09.11.2016

Ich liebe meinen Sohn immer!

Kinder liegen Uschi Glas am Herzen. Für ihre Initiative „brotZeit“ wird die TV-Ikone mit dem look! Outstanding Career Award geehrt. Was ist mit dem eigenen Sohn, Ben, schiefgelaufen? Hier eine ehrliche Antwort.

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Herzenssache. 2009 gründete Uschi Glas mit ihrem Mann den Verein „brotZeit“. Heute werden deutschlandweit 8.500 Kinder mit einem ausgewogenen Frühstück versorgt. © Astrid Schmidhuber

Es gibt so Menschen, die sich ein Leben lang gewisser Klischees nicht entledigen können. „Für viele bin ich die erzkonservative Zicke“, erzählt uns schmunzelnd Uschi Glas (72) beim persönlichen Interview in München. Nachsatz: „Damit kann ich leben.“ Denn eigentlich ist sie – seit dem Kinoerfolg von „Fack ju Göhte“ ist das auch einem Millionen-Publikum bekannt – ganz anders. Uschi Glas ist sehr herzlich, sehr direkt, sehr humorvoll, wenig konservativ, eher rebellisch und vor allem zeichnet sie eines aus: Ihr soziales Gewissen in einer Gesellschaft, die sich immer weniger um die kümmert, die dazu allein noch nicht in der Lage sind: die Kinder. 2009 gründete Glas, selbst Mutter dreier Kinder (Benjamin, 40, Alexander, 34, und Julia, 29), mit Ehemann Dieter Hermann den Verein „brotZeit“, der heute 8.500 Volksschulkinder deutschlandweit (!) mit einem warmen Frühstück („brot“) und persönlicher Betreuung („Zeit“) versorgt. Denn, dass so viele Kinder in Deutschland wirklich hungern, „hat mich zutiefst getroffen“.

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Uschi Glas voll in ihrem Element. © Astrid Schmidhuber

Herzenssache. Für ihr großes Engagement wird die Ikone des deutschsprachigen Films mit dem look! Outstanding Career Award ausgezeichnet. Wir haben mit Uschi Glas über die Beweggründe für ihr umfassendes soziales Engagement gesprochen und auch darüber, wie ihr Verhältnis zu Sohn Ben (Benjamin) Tewaag ist, der mit Gewalt, fiesen Facebook-Einträgen über seine Mutter und zuletzt dem Sieg im RTL „Promi Big Brother“-Container von sich reden machte. Von der Gewinnerprämie allerdings hat er 35.000 Euro direkt an „brotZeit“ überwiesen.

"So schlimm es auch ist,: Ich werde immer an Ben's Seite stehen.", so Uschi Glas.

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Sorgenkind. Ben, Glas’ ältester Sohn, saß schon im Gefängnis. Problem: Gewalt und Drogen. Uschi Glas steht zu ihm. © Getty Images

look: Mit Ihrem Verein „brotZeit“ versorgen Sie aktuell 8.500 Kinder jeden Morgen mit einem gesunden Frühstück. Wie kam es dazu?

Uschi Glas: 2009 habe ich im Radio einen Bericht gehört, dass es allein im schönen, angeblich „wohlhabenden“ München ein paar tausend Volksschulkinder gibt, die hungern. Die hungrig in die Schule gehen. Mich hat das so tief bewegt, dass ich gleich zu meinem Mann gesagt habe:Wir müssen was tun. Im Gespräch mit einer Schulleiterin kam dann raus, dass es schon genügen würde, wenn wir Zwieback in die Volksschule bringen. Sie hat gesagt: „Die Kinder sind vom Hunger so unterzuckert, dass ihnen schlecht ist. Ein Stück Zwieback hilft da schon.“ Also haben mein Mann und ich mit Notfallboxen mit Zwieback und Keksen begonnen.


Heute versorgen Sie mit „brotZeit“ 8.500 Kinder mit einem Frühstücksbuffet in der Schule. Wie klappt das?

Das mit dem Zwieback war mir natürlich nicht genug. Das kann’s ja nicht sein! In Absprache mit einer Schulleiterin ist herausgekommen, dass ein Frühstück vor der Schule eine große Hilfe für die Kinder wäre. Aber wer soll das machen? So sind wir auf die Idee gekommen, Menschen, die nicht mehr im Arbeitsprozess stecken und oft auch einsam sind, einzubinden. Ältere Menschen, die gern etwas zurückgeben, aber nicht mehr gebraucht werden. Bei uns werden sie gebraucht. Und wie! Mittlerweile sind diese Menschen sehr wichtige Bezugspersonen für die Kinder. Sie lernen mit ihnen, sind Vertrauenspersonen. Die Kinder hängen an diesen Senioren!
Endlich gibt es jemanden, der sich um sie kümmert, der ihnen Geborgenheit gibt, das Gefühl gibt, etwas wert zu sein. Es ist für beide Seiten Familienersatz.
Viele Kinder haben dort mehr ein Zuhause als in ihremZuhause. Eine klassische Win-win-Situation also.


Daher der Name „brotZeit“?

Ja, bei uns bekommen die Kinder ein reichhaltiges Frühstück – also „Brot“ – und „Zeit“, das bedeutet Förderunterricht vor allem in Deutsch, aber auch spielen und vorlesen etc. Wir haben mittlerweile auch Integrationspaten, die sich speziell um die Flüchtlingskinder kümmern. Aber es gibt auch so viele andere Fälle. Kinder aus deutschen Familien, die überhaupt keine Perspektive haben. Diese Kinder sind „lost“. Um die müssen wir uns als Gesellschaft kümmern. Es geht um so etwas wie Chancengerechtigkeit, von Gleichheit will ich gar nicht reden.


Sie tragen aber auch eine große Verantwortung. Wie gelingt das?

Mit den Großspendern haben wir drei Jahresverträge, aber manchmal packt mich die Angst. In dieser Dimensionhätte ich mir das nicht zugetraut, aber mein Mann ist immer optimistisch. Seine Devise: Um etwas gesellschaftlich zu bewegen, müssen wir größer werden. Der Verein ist mittlerweile mein Hauptberuf. Er beschäftigt mich jeden Tag; auch im Urlaub.

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Familie. Glas mit Ehemann Dieter Hermann und den Kindern Alexander und Julia. © APA Picturedesk

Sie sind oft vor Ort an den Schulen. Wie reagieren die Kinder auf Sie?

Vor „Fack ju Göhte“ haben die mich gar nicht gekannt. Die Senioren sind die viel wichtigeren Bezugspersonen für sie. Ich bin nur so eine Tante.


Wie sehr gehen Ihnen die Schicksale der Kinder ans Herz?

Die bewegen mich zutiefst! Wir haben drei Flüchtlingskinder, deren Vater vor ihren Augen im Irak erschossen wurde. Die Mutter ist seither psychisch krank. Bei der Flucht nach Deutschland wurden diese Kinder voneinander getrennt. Es ist uns gelungen, sie wieder zu vereinen. Heute sind die drei wie ausgewechselt, sprechen Deutsch und haben eine Perspektive – trotz ihrer furchtbaren Geschichte. Und ich finde, jedes Kind verdient eine Chance.


Woher rührt Ihr umfangreiches soziales Engagement ? Haben Sie in Ihrer
Kindheit Hunger gelitten?

Nein. Wir hatten zwar nur sehr wenig, aber meine Mutter war eine Frau mit großem sozialem Verstand. Ich kann nicht wegschauen. Ich kann aber auch nicht alle Kinder retten. Aber es muss doch Leuchttürme geben. Jetzt sind wir bei 8.500 Kindern, die jeden Tag ein Frühstück bekommen. Die teilweise erst lernen, mit Besteck zu essen, oder denen man beibringt, was gesunde Nahrung ist. Die durch uns einen Ansprechpartner haben. Jemanden, der sie auch mal in den Arm nimmt.


Ihr Sohn Ben hat Ihnen 35.000 Euro aus seiner Siegerprämie bei „Big Brother“
gespendet? Hat Sie das überrascht?

Ja, ein Wahnsinn! Ich war sehr überrascht und habe mich gleich bei ihm dafür bedankt. Mit diesem Geld können wir zwei Schulen ein ganzes Jahr lang mit Frühstück versorgen.  Und ich finde auch, dass er sich bei „Big Brother“ sehr gut dargestellt hat.


Dass Ihr Verhältnis, nun ja, nicht fiktionsfrei ist, ist bekannt …

Ja, aber er bleibt doch immer mein Kind. Egal, ob ich böse Schmähbriefe bekomme, weil Leute meinen, ich sei keine gute Mutter, oder Benjamin angefeindet wird. Er bleibt mein Sohn und ich werde immer an seiner Seite stehen. So schlimm es auch ist und so sehr es mich auch manchmal trifft. Ich liebe meinen Sohn und wünsche ihm alles Gute!


Was war Ihnen besonders wichtig
bei der Erziehung Ihrer Kinder?

Ich habe es so gemacht, wie ich es für richtig gehalten habe. Heute denke ich, ich hätte strenger sein müssen. Kinder brauchen Regeln. Aber ich kann nicht strafen. Kinder schon gar nicht. Ich war schon ein bisschen die Über-Glucke (lacht).

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Engagement. 2 Millionen Kinder in Deutschland leben unter der Armutsgrenze und werden nicht satt. Uschi Glas hilft. © Astrid Schmidhuber

Wie sehr hat es Sie in diesem Zusammenhang verletzt, wenn Sie wegen Ihres Sohnes medial angefeindet wurden?

Ach, das hat mich natürlich verletzt. Klar geht es mir nahe, wenn da was schiefläuft. Aber wenn man irgendwo eine Schwachstelle hat, hauen die Leute drauf. So ist das, und daran habe ich mich gewöhnt. Ich habe versucht, es so gut zu machen, wie ich eben kann. Mir war nix wurscht!


Sind Sie sehr selbstkritisch?

Auf jeden Fall. Wenn etwas falsch läuft, muss man das ändern. Aber man muss auch mit sich leben und sagen: Ich kann es halt nur so und nicht anders. Man muss zu sich finden. Das ist mir gelungen.


Werden Sie oft falsch wahrgenommen; in ein Klischee gezwängt?

Ja, total! Für viele bin ich erzkonservativ, die schwarze Zicke. Daran habe ich mich gewöhnt. Ich bin halt nicht „easy to handle“, aber ich bin glücklich. Vor allem mit meinem Mann und damit, dass er so an einem Strick mit mir zieht.


Sie werden nächstes Jahr 73 Jahre. Verraten Sie uns zum Schluss noch Ihr Figur-Geheimnis?

Wenn man, wie ich, gern isst und auch gern einen Wein trinkt, muss man dagegenhalten. Ich gehe regelmäßig laufen und mache Power-Yoga. Und ich mache täglich eine Bürstenmassage gegen Cellulite.


Das heißt, Uschi Glas ist komplett „Cellulite-freie“ Zone?

Ja, tatsächlich (lacht).

Initiative

So funktioniert Brotzeit
Gesundes & Geborgenheit. Viele Volksschulkinder leiden Hunger. Deshalb hat sich Glas mit „brotZeit“ zur Aufgabe gemacht, den Kids täglich ein Frühstück vor der
Schule zu organisieren. Darüber hinaus kümmern sich Senioren um die Kinder. Lernen mit ihnen, sind Vertrauensperson, Ansprechpartner.

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