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People | 08.06.2016

Frauen auf der Flucht

Die Frauen auf diesen Fotos sehen aus wie Models. Es sind Flüchtlingsfrauen, die stark und schön in eine neue Zukunft blicken. Die Idee eines Fotografen und einer Designerin...

Bild Farah Naz (c) Tom Platzer.jpg
Menschen auf der Flucht. Die Ausstellung ist noch bis 10. Juni im Wiener Rathaus zu sehen.

Auf den ersten Blick würde man denken, die Designerin Imma Baumgartner shootet die neue Kollektion ihres Modelabels time4africa. Doch die Frauen, die in ihrer Mode posieren, sind keine Models. Es sind ganz normale Frauen. Die geflüchtet sind. Vor Gewalt. Vor Armut und Tod. Vor Lebensumständen, die, wie es etwa Minette ausdrückt: „Manchmal schlimmer sein können, als der Tod.“ Auch Minette ist Teil eines Projektes, das der  Österreichische Fotograf Tom Platzer und die Designerin Imma Baumgartner ins Leben gerufen haben. Warum? Und um zu zeigen, wie schön die Menschen und Frauen sind, die sich hinter „Flüchtlings-Schicksalen“ verbergen.

Schon lange wollten der Fotograf und die Modemacherin, die auch privat befreundet sind, ein Zeichen gegen Intoleranz und Ausgrenzung setzen. Doch Tom lebt in Australien, Imma in Wien. Als vor einem Jahr die Flüchtlingskrise immer mehr in den öffentlichen Fokus rückte, dachte sich Baumgartner: „Wie kann ich helfen? Dann fiel mir ein, ich mach ja Mode und der Tom fotografiert – das legen wir zusammen und machen Fotos von diesen wunderbaren Menschen, die jeder nur als „Flüchtling“ wahrnimmt.

Entstanden ist das Foto-Projekt „Menschen auf der Flucht“ (zu sehen noch bis 10. Juni im Stadtinformationszentrum des Rathauses). Es versteht sich als Gegenpol zu den Bildern in den Medien, die das Leid und Elend der Flüchtlinge zeigen. 

Bild Farah Naz 2 (c) Tom Platzer.jpg
FARAH NAZ. Die Mutter einer kleinen Tochter besaß in Pakistan einen Schönheits­salon. Heute lebt sie in Linz und hat nach wie vor Kontakt mit den Initiatoren der Ausstellung, die sie auch besucht hat.

Farah Naz

Eine zentrale Figur der Ausstellung spielt Farah Naz. Als Baumgartner und Platzer im Sommer zwecks Recherche nach Traiskirchen fuhren, fiel ihnen eine Frau auf, die mit ihrer kleinen Tochter im Park vor dem Flüchtlingslager spielte. Tom Platzer sprach sie an und sie war sofort begeistert von der Foto-Idee. Platzer: „Ich glaube, sie hat verstanden, dass wir etwas Seriöses machen wollen und nicht Flüchtlinge vor einem Maschendrahtzaun mit einem Plastiksackerl ablichten.”  

Sie war eine der wenigen, die ein bisschen etwas über sich erzählte. Farah Naz stammt aus dem Norden Pakistans, wo ihr ein Beauty-Salon gehörte. Vergangenen Sommer kam sie nach Traiskirchen und sprach nur so viel von ihrer Flucht: „Ich bin sechs Wochen nur gelaufen, gelaufen, gelaufen.“ Sie marschierte mit ihrer drei- oder vierjährigen Tochter über die iranische Grenze, was sie mehrmals erwähnte. Warum, verriet sie nicht.  

Anekdote am Rande: Farah Naz hat wunderschöne Augenbrauen, die über der Nase zusammengewachsen sind. Imma Baumgarnter: „Man kennt das von Frida Kahlo und in der griechischen Antike galt dies als Schönheitsideal. Doch sie fragte uns, ob sie vor den Aufnahmen die Augenbrauen zupfen sollte, aber ich bat sie, so zu bleiben, wie sie ist.“ Noch heute stehen die beiden Frauen in Kontakt – und Farah Naz, die in Linz lebt, schreibt Imma bereits Text-Nachrichten auf Deutsch.v

Bild Lydia 2 (c) Tom Platzer.jpg
LYDIA. In Uganda war sie unter dem Namen „Butterfly Liz“ eine professionelle Sängerin. Wo sie heute lebt, weiß niemand.

Lydia

Als wahres Model-Talent entpuppte sich Lydia aus Uganda. Sie schien das Spiel mit der Kamera perfekt zu beherrschen, das fiel Tom Platzer, der schon Naomi Campbell und Cindy Crawford vor der Linse hatte, sofort auf. Wer ist also diese unbekannte Schöne? Und dann sagte Lydia nur eines: „Sucht mich doch einfach auf YouTube unter dem Namen Butterfly Liz.“ Lydia ist Sängerin – in ihrer Muttersprache mit Hip-Hop-Elementen. Auch sie wurde nach diesem 21. September, jenem Tag der Fotosession, nie wieder gesehen. 

Alle Beteiligten waren übrigens gratis bei diesem Projekt dabei. Die Novomatic hat die Bilder gekauft. Sie sollen im Rahmen von „Licht ins Dunkel“ versteigert werden. 

Bild Minette (c) Tom Platzer.jpg
MINETTE. Sie trug wie alle anderen Frauen beim Shooting auch ein Outfit von time4africa. Sie stammt aus dem Kamerun.

Minette

Minette aus dem Kamerun entschied sich für das Dirndl. Man erklärte ihr auch dessen Bedeutung. Imma Baumgartner macht die Tracht aus afrikanischen Stoffen – ihr Markenzeichen. Minette war extrem fröhlich und hüpfte im Dirndl umher und wiederholte ständig: „Ich trag ein österreichisches Kleid, ich trag ein österreichisches Kleid!“ Über die Beweggründe ihrer Flucht sagte sie nichts – und am nächsten Tag wurde Minette nach Graz transferiert, wie das im Fachjargon heißt. Tom Platzer: „Mich als Künstler interessiert weder die Vergangenheit noch die Zukunft. Es ging uns ja vor allem darum, einen besonderen Moment auf künstlerische Art und Weise einzufangen.“ 

Imma baumgartner

Die Designerin des Labels time4africa lebte auf einer Farm in Tansania und fertigt heute in Wien Maßdirndln mit original afrikanischen Stoffen. www.time4africa.com

TIME4AFRICA IST PARTNER DER LOOK STYLE-AWARDS AM 13.09. BEI DER MQ VIENNAFASHIONWEEK.16

"Wir wollten diese Frauen zeigen, wie sie keiner kennt. Als Menschen, nicht als Flüchtlinge" Imma Baumgartner

 

Starfotograf Tom Platzer

Der einstige Helmut-Newton-Schüler arbeitet für Magazine, intern. Werbeagenturen & Charitys. 

„Glänzender Star oder armes Opfer. Welches Bild wollen wir sehen?“ Tom Platzer

 

TEXT Marion Hauser, Uschi Pöttler-Fellner

FOTOS Tom Platzer

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