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People | 23.06.2017

Der Kampf der Wüstenblume

Model, Autorin, Menschenrechtsaktivistin: Waris Dirie erzählt im Interview wie viel sie im Kampf gegen weibliche Genitalverstümmelung schon erreicht hat und was Mut für sie bedeutet.

Bild Waris Dirie trägt ihre Heimat, die Wüste, stets in ihrem Herzen.JPG
Waris Dirie spricht über ihr Leben. (Foto: Desert Flower Foundation 2017)

Eine starke Frau mit unbändigem Willen: Waris Dirie wurde als Mädchen genitalverstümmelt und machte das Thema später als berühmtes Model öffentlich. Ihr Buch „Wüstenblume“ rüttelte vor fast 20 Jahren Menschen auf der ganzen Welt wach. Von 23. bis 25. Juni beehrt Dirie die „Women for Peace“-Konferenz in Seefeld, um ihre Botschaft weiterzugeben. Der TIROLERIN erzählt die engagierte Frau, warum Friede bei jedem Einzelnen anfängt und sie weiter kämpfen will.

   

Bild Waris Dirie mit dem ehemaligen UNO Generalsekräter Kofi Annan.jpg
Nelson Mandela trifft Waris Dirie. (Foto: Desert Flower Foundation 2017)

TIROLERIN: Sie nehmen von 23. bis 25. Juni am Women-for-Peace-Kongress in Seefeld teil. Welche Botschaft wollen Sie dort vermitteln?
Waris Dirie: Als Schirmherrin der Veranstaltung „Women for Peace“ ist es mir ein großes Anliegen, dass sich Menschen wieder auf die wichtigsten Werte für ein friedliches Zusammenleben besinnen. Diese Werte sind für mich Liebe, Frieden und Respekt. Das ist meine Botschaft.


Was kann jeder Einzelne tun, um ein friedliches Klima zu schaffen?
Frieden beginnt immer bei einem selbst. Nur wer den Frieden in seinem Herzen trägt, kann auch auf andere Menschen positiven Einfluss nehmen und ein friedliches Klima schaffen.Frieden beginnt in der Familie, im Freundeskreis und im beruflichen Umfeld. Frieden beginnt mit positivem Denken. Friede beginnt damit, deinen Mitmenschen so oft wie möglich ein Lächeln zu schenken.


Verlieren Sie angesichts der weltpolitischen Lage nicht auch ab und zu den Mut?
Nein. Mein Motto lautet: Wenn das Leben hart wird, kommen die starken Frauen erst richtig in Schwung. 1997 habe ich erstmals über mein persönliches Trauma, das ich als Kind erlitten habe, gesprochen. Damals wollten mir viele nicht zuhören. Auf meinem Kontinent Afrika gab es nur vier Länder, die Gesetze gegen weibliche Genitalverstümmelung erlassen hatten. Heute gibt es nur mehr vier afrikanische Staaten, in denen es kein Gesetz gegen weibliche Genitalverstümmelung gibt.Seit 1997 gibt es immer mehr Konferenzen, Kampagnen und Aufklärung. In Afrika sind die Zahlen in fast allen Ländern rückläufig. Leider bringen Migranten diese Praxis nach Europa, in die USA, Kanada und Australien mit. Mittlerweile gibt es Millionen Mädchen in Europa, die davon betroffen sind. Die europäischen Regierungen müssen rasch und konsequent Aufklärung betreiben und gegen jene, die FGM (female genital mutilation) praktizieren, mit aller Härte vorgehen. Es darf nicht sein, dass in Europa unter den Augen unserer Behörden nur ein einziges Mädchen Opfer dieser grausamen Folter wird.


Woher nehmen Sie die Kraft, sich seit so vielen Jahren unermüdlich für Ihr Anliegen einzusetzen?
Ich war ein kleines Mädchen, als ich diese Tortur über mich ergehen lassen musste. Ich wäre in der Wüste fast gestorben. Schon damals war mir bewusst, dass kein Gott so etwas Grausames zulassen würde. Ich habe mir als Kind geschworen, eines Tages gegen diese Praxis zu kämpfen, damit kein Mädchen auf dieser Welt dies erleiden muss. Ich wusste aber nicht, wie, wo und wann ich meinen Kampf beginnen würde. Am Ende nutzte ich meine Bekanntheit als Supermodel in Amerika, um meine Geschichte in die Öffentlichkeit zu tragen und gegen FGM zu kämpfen.

Bild Waris Dirie zusammen mit ihrer Freundin und Hollywoodstar Salma Hayek.jpg
Schauspielerin Salma Hayek zählt zu Diries Freundeskreis. (Foto: Desert Flower Foundation 2017)

2002 gründeten Sie die Desert Flower Foundation. Wie lautet die Zwischenbilanz?
FGM is heute in fast allen Ländern weltweit gesetzlich verboten. Es gibt auch zahlreiche Kampagnen. Mit meiner Desert Flower Foundation  habe ich tausende Mädchen vor Genitalverstümmelung gerettet und vier Desert Flower Center zur Behandlung von FGM-Opfern in Paris, Berlin, Amsterdam und Stockholm eingerichtet. Jetzt beginnen wir unsere große Kampagne gegen die Bildungskrise in Afrika. Noch immer können 42 Prozent der Afrikaner und Afrikanerinnen, vor allem Frauen und Mädchen, nicht lesen und schreiben. Im September verteilen wir Desert-Flower-Power-Bildungsboxen mit einem ersten Lesebuch an Volksschüler in Afrika, denn Mangel an Bildung fördert Armut und leider auch weibliche Genitalverstümmelung.


Ihr Leben erzählt die Geschichte einer mutigen Frau. Was bedeutet Mut für Sie?
Mut bedeutet stets, bereit für Neues zu sein und sich selbst treu zu bleiben. Mut bedeutet aber auch, auf andere zuzugehen und offen zu sein für ein friedliches Zusammenleben.


Das Buch Wüstenblume wurde vor fast 20 Jahren veröffentlicht. Welche Gefühle haben Sie heute, wenn Sie an das Buch denken?
UNO-Generalsekretär Kofi Annan hat einmal über mein Buch gesagt, dass es mehr verändert hat als alle UN-Kampagnen gegen weibliche Genitalverstümmelung zusammen. Das macht mich natürlich stolz. Für mich ist das Wichtigste, dass ich mit meinem Buch vor allem Frauen ermutige, nicht aufzugeben, ihr Schicksal selbst in die Hand zu nehmen und ein selbstbestimmtes Leben zu führen.


Was wünschen Sie sich für die Zukunft?
Love, Respect und Peace für alle.

Bild In Afrika setzt sich Waris Dirie stark für Bildung ein. Hier mit Safa aus dem Film 'Wüstenblume'.jpg
In Afrika setzt sich Waris Dirie stark für Bildung ein. Hier mit Safa aus dem Film 'Wüstenblume'. (Foto: Desert Flower Foundation 2017)
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