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People | 13.04.2018

Traumberuf Zoodirektor

Im Innsbrucker Alpenzoo weht frischer Wind: Andrè Stadler, der neue Direktor des Zoos, erzählt im Interview, warum der Bär jetzt mehr Freiheiten hat und dass er sogar Zecken etwas abgewinnen kann.

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Fotos: Birgit Pichler

Treffpunkt Alpenzoo Innsbruck: Bevor wir mit unserem Interview  beginnen, führt uns André Stadler, der seit Jänner 2018 Michael Martys als Direktor des Alpenzoos abgelöst hat, durch sein neues Revier. Über den Dächern Innsbrucks können hier rund 2.000 Tiere bestaunt und beobachtet werden. Dass Stadler, der ursprünglich aus Wuppertal in Deutschland kommt und bereits über fünfzehn Jahre Zooerfahrung vorweisen kann, ein ganz großes Herz für Tiere hat, merkt man sofort, wenn man ihn bei seinem Rundgang mit den Zootieren sieht. Im Interview erzählt der studierte Biologe, dass er hier in Tirol endlich seinen Traumberuf ausübt und zeigt mit seinen Aussagen, wie wichtig ihm Natur- und Artenschutz sind.

TIROLERIN: Sie sind nun seit mittlerweile drei Monaten in Innsbruck. Wie gefällt es Ihnen hier in Tirol?
Andre Stadler: Ich finde es wunderbar und fühle mich hier richtig wohl Die Menschen haben mich mit offenen Armen aufgenommen. Alle sind super höflich und ich mag, dass man in Tirol direkt per Du ist. Innsbruck ist eine tolle Stadt mit hoher Lebensqualität, auch weil man gleich draußen in der Natur ist. Ich war letztes Wochenende auf Besuch in der alten Heimat und bei der Abreise sagte ich dann: „Ich fahr‘ jetzt nach Hause.“ (lacht) Ich finde, das zeigt, dass ich in Innsbruck total angekommen bin.

Welche Erwartungen  hatten Sie als Sie Anfang des Jahres die Leitung des Alpenzoos übernommen haben?
Natürlich kannte ich den Alpenzoo bereits und es war für mich so etwas wie Liebe auf den ersten Blick. Das war auch einer der Gründe, warum ich mich beworben habe. Für mich ist der Alpenzoo einer der tollsten Zoos, die ich kenne, und ich weiß, wovon ich rede: Ich habe immerhin mehr als 200 Zoos besucht.

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Welche Pläne haben Sie für den Alpenzoo? Gibt es bestimmte Projekte, denen Sie sich besonders widmen möchten?
Ich habe viele Visionen mitgebracht, bin aber jetzt noch in der Phase, in der ich mich selbst gern als „Schwamm“ bezeichne. Das heißt, ich sauge so viel Wissen auf wie möglich und schaue mir jedes Detail ganz genau an. An kleinen Stellschrauben des Zoobetriebs drehen wir auch bereits, wie zum Beispiel beim Bären: Dieser wurde früher nachts eingesperrt. Wir haben das Gehege nun  genau gecheckt und es auch sicherer gemacht, so dass er 23 Stunden am Tag draußen sein darf.  Momentan sind das alles nur Kleinigkeiten und ich muss erst schauen, ob  alle meine Pläne umsetzbar sind, oder ob nicht andere Dinge dringlicher sind. Was ich  aber sicherlich  schon jetzt sagen kann, ist, dass die Zwergmäuse wiederkommen werden.

Sind auch andere neue Tiere geplant?
Natürlich! Wir zeigen noch nicht die komplette Alpenwelt und vielleicht  kann sich der eine oder andere schon ausrechnen, was wir früher oder später in unserem Zoo halten wollen, aber genau möchte ich mich derzeit dazu noch nicht äußern.

Woher kommen neue Tiere, die in Zoos gehalten werden?
Tiere werden in den Zoos getauscht, eine Hand wäscht die andere. Wir sind eine große Gemeinschaft, die auch weltweit kooperiert, komplett unpolitisch.
So wurden sogar in Zeiten des Kalten Kriegs Tiere mit dem Ostblock getauscht und auch während der griechischen Finanzkrise war ich in Griechenland bei einer Katzentagung zu Gast. Arten- und Naturschutz als gemeinsames Ziel verbindet uns über die Grenzen hinaus!

Haben Sie hier im Alpenzoo ein persönliches Lieblingstier?
Das kann ich so nicht sagen, denn ich kann jeder Tierart etwas abgewinnen – sogar einer  Zecke, denn sie ist wunderbares Vogelfutter. Gäbe es keine Zecken könnten die Vögel ihren Jungtieren im Frühjahr nichts füttern. Glauben Sie mir, egal welche Tierart Sie mir nennen, ich kann etwas Positives darüber nennen.

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Wussten Sie schon immer, dass Sie später einen Beruf in so enger Verbindung mit der Natur wählen möchten?
Ich bin absoluter Vollblut-Zoologe und schon als kleines Kind war mir klar, dass ich Zoodirektor werden wollte. Mit dem Job hier habe mir hier also meinen Kindheitstraum erfüllt.

Sie haben auch Erfahrungen in anderen Zoos gesammelt. Was ist das Besondere am Arbeitsplatz Zoo?
Ich habe bereits 15 Jahre im Wuppertaler Zoo in verschiedenen Positionen gerarbeitet und war dort auch Kurator. Mit dem Alpenzoo habe ich nun den nächsten Karriereschritt gemacht. Das Tolle, an unserem Job ist, dass wir jeden Tag draußen verbringen dürfen und stets auch die Tiere um uns haben. So bekommen wir sehr viel zurück. Wenn wir unsere Arbeit gut machen, sieht man es den Tieren an – sie sind glücklich und zufrieden. Ich finde es auch super, wenn sich die Besucher im Zoo wohlfühlen und Spaß haben. Wenn sie dann noch ein bisschen schlauer nach Hause gehen, haben wir unser Ziel mehr als erreicht.

Wo sehen Sie die Hauptaufgaben des Zoos?
Dies wird in vier Bereiche unterteilt: Arterhalt, Forschung, Erholung, aber auch Bildung. Ich würde mir wünschen, dass sich jeder Mensch ein bisschen als Arten-  und Naturschützer fühlt. Das fängt schon damit an,  das Licht auszuschalten, wenn ich den Raum verlassen, dass ich Müll trenne und ihn nicht in den Fluss schmeisse. Wir möchten unseren Besuchern viele kleine Messages mitgeben und wenn uns das gelingt, haben wir schon gewonnen. Ich brenne für diesen Zoo und wenn ich sehe, dass ich anderen nur ein paar unserer Standpunkte vermitteln kann, dann bin ich zufrieden, denn dann sehe ich, ich kann etwas bewegen.

Wie schaut der Zoo der Zukunft aus?
Das lebende Tier ist unser Hauptmerkmal und wird es auch immer bleiben.  Ein Kino kann niemals den Zoo ersetzen – das hilft auch die größte Leinwand oder das beste Dolby-Surround-System nicht. Schon jetzt gibt es immer mehr begehbare Anlagen, wie beispielsweise hier im Alpenzoo bei den Waldrappen, den Geiern oder den Steinböcken. Wenn ein Tier brüllt und Sie sind hautnah dabei, spüren das Brüllen  auf dem Brustkorb – so ein Erlebnis vergessen Sie nicht. Selbstverständlich wird in Zukunft der Fokus noch stärker auf Bildung gerichtet, aber auch auf den Arterhalt – das sind unsere Rechtfertigungen.

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Wie wichtig ist der Aspekt der Bildung schon heute und wie wird dieser im Alpenzoo umgesetzt?
Unsere Zooschule hat ein spezielles didaktisches Programm für Schulkassen entwickelt. Da geht es darum, den Schülern die Tierwelt näher zu bringen. Dann gibt es selbstverständlich die spezielle Beschilderung an den Gehegen und wir bieten auch Themenvorträge an. Gerade im Arten- und Naturschutz erreichen wir alle  zusammen mehr als eine Person alleine.

Vom Aussterben bedrohte Tierarten, stetig steigende Umweltverschmutzung – Die Bedrohungen unserer Natur sind allgegenwärtig und werden auch immer stärker. Kann der Zoo hier in Zukunft eine Gegenbewegung darstellen?
Dem Zoo kommt hier sogar eine sehr wichtige Rolle zu. Wir wollen das lebende Tier zeigen und begeistern. Wir wollen Erlebnisse schaffen, die Sie nicht vergessen. Wir als Alpenzoo sehen uns als eine Bühne, die 300.000 Menschen pro Jahr erreicht. Wir wollen diese nicht nur begeistern, sondern ihnen auch vermitteln, wie wichtig Umwelt- und Tierschutz ist. Es lohnt sich Tiere und die Natur zu schützen. Das ist auch einer der Gründe, warum wir  beispielsweise die Tier-
auffangstation führen. Hier geht es einzig und allein darum Tieren, die Unfällen zum Opfer geworden sind, zu helfen. Jeder kann hier verletzte Wildtiere vorbei bringen, um die wir uns bestmöglich kümmern und im besten Fall nach der Genesung auch wieder auswildern. 

Die Vorgaben für gerechte Tierhaltung ändern sich ständig. Kann ein Zoo unter diesen Bedingungen auch in Zukunft überhaupt rentabel bleiben?
Hier handelt es sich meist um Mindestanforderungen und gesetzliche Vorgaben, die wir nicht nur einhalten, sondern auch möglichst weit übertreffen. Allerdings geht es dabei auch nicht nur um gewisse Anforderungen in Bezug auf die Fläche: Für die Steinböcke beispielsweise ist eine leere grüne Wiese längst nicht so spannend, wie das strukturierte Gehege – Steinböcke wollen klettern und das können sie nur dort. Natürlich, neue Gesetze kommen immer wieder auf einen zu, aber wir in den Zoos sind die Experten und wissen eigentlich schon lange, was wir besser machen wollen.

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Leider wird nicht überall auf der Welt ein so verantwortungsbewusstes Verhalten an den Tag gelegt. Wie geht es Ihnen in einem Zoo in beispielsweise Russland oder anderen Ländern, wo diese Anforderungen nicht erfüllt werden?
Hier setze ich mich ganz stark ein, dass sich etwas ändert: So bin ich seit fünf Jahren als Mentor in Russland tätig und helfe mit, den Zoo in Kaliningrad auf westliche Standards zu bringen, damit er in unsere Gemeinschaft aufgenommen werden kann. Allerdings muss man auch verstehen, dass leider Tiere in vielen Ländern einfach einen anderen Status haben als bei uns. Gerade im Nahen Osten bedeutet ein Tier leider nicht das, was es bei uns bedeutet.

Was entgegen Sie Kritikern, die mit den Konzept Zoo und eingesperrten Tieren nichts anfangen können?
Ich freue mich immer über Diskussionen und wenn man es schafft gemeinsam am Tisch zu sitzen. Das Einzige, das ich von Gegnern oder Kritiktern verlange, ist, dass man Argumente austauscht, denn wir leben in einer Demokratie und jeder darf seine eigene Meinung vertreten. Es gibt sehr viele Dinge, die die meisten Menschen vielleicht gar nicht wissen oder von denen sie noch nie davor gehört haben. Wir Zoos haben in der Vergangenheit einen groben Fehler gemacht: Wir haben Gutes getan, aber nicht darüber gesprochen. Dadurch ist vieles nicht in den Köpfen der Menschen verankert und das Einzige, das jeder von uns weiß, ist: Im Zoo sperren sie die Tiere ein. Natürlich haben wir eine Gehegetüre, das würde sonst selbstverständlich nicht funktionieren, aber die Tiere, die Sie sehen, sind nur die Botschafter ihrer Art. Schon seit zehn Jahren wildern wir Steinböcke, Bartgeier und Fische aus. Unsere Tierschutz-Station hat nur einen einziges Ziel:  Tiere zu retten, gesund zu pflegen und wieder auszuwildern und zwar ganz ohne finanziellen Hintergrund. Viele Menschen wissen von diesen Dingen nichts. Es geht uns nicht darum, Tiere in den Zoo zu bekommen. Einige Tierarten wären ohne uns längst ausgestorben und auch das umfassende Wissen, das wir heute haben – das haben wir den Zoos zu verdanken! Niemand läuft einem Steinbock 24 Stunden hinterher, um rauszufinden, was er frisst, wie lange seine Tragzeit beträgt, was er wiegt und noch vieles mehr. Dieses Wissen, die Möglichkeit zur Forschung, erreichen wir erst durch Zoos. Auch wenn es immer wieder schwarze Schafe gibt und bestimmte Dinge vielleicht auch nicht immer hundert Prozent richtig laufen, gibt es viele Gründe, die für den Zoo sprechen und ich kann ganz offen und ehrlich sagen:  Ohne Zoos wäre die Welt deutlich ärmer!


Tierisches Ausflugsziel

Der Alpenzoo Innsbruck wurde im Jahr 1962 gegründet. Auf rund vier Hektar werden über den Dächern von Innsbruck etwa 2.000 Alpentiere von rund 150 Arten gezeigt. Kein anderer Zoo der Welt zeigt eine derart vollständige Sammlung von Wildtieren aus dem Alpenraum. www.alpenzoo.at