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People | 13.12.2017

Hirte mit Vision

Nach 21 Monaten hat das Warten ein Ende: Innsbruck hat wieder einen Bischof. Wir haben Hermann Glettler in seinem neuen Zuhause am Innsbrucker Domplatz zum Interview getroffen.

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Fotos: Birgit Pichler

Am 2. Dezember war es soweit: Der gebürtige Steirer Hermann Glettler wurde in Innsbruck in der Olympiaworld zum Bischof geweiht. Glettler, der nicht nur Theologie, sondern auch Kunstgeschichte studierte, ist immer wieder als Künstler tätig und engagierte sich als Pfarrer in seiner Gemeinde besonders für sozial Benachteiligte und Flüchtlinge. Ganz offen sprach er mit uns darüber, warum es keine Stimme vom Himmel braucht, um Priester zu werden, und warum es sich lohnt, manchmal bewusst Dinge zu versäumen.

TIROLERIN: Sie sind seit kurzem in Tirol. Was ist Ihr erster Eindruck von Innsbruck?
Bischof Hermann Glettler: Überwältigend schön mit dem ersten Schnee auf den Bergen. Ich bin nahezu verliebt in diese Stadt. Auch wenn der Abschied nicht einfach war. Durch die Berufung zum Bischof wurde ich herausgerissen – das Bischofwerden war eine Störung Gottes, aber so ist unser Leben. Wir leben von Störungen und das gehört dazu. Zu meinen Geschwistern sagte ich: Es gibt Schlimmeres als Bischof zu werden. (lacht)

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Hermann Glettler ist auch Künstler und zeigte uns einige seiner Bilder.

Was ging Ihnen durch den Kopf, als Sie erfuhren, dass Sie zum Bischof berufen werden?
Das Kapitel war für mich eigentlich abgeschlossen. Ich habe Ähnliches schon vor ein paar Jahren erlebt, als es um den Bischof für die Diözese Graz-Seckau ging. Damals wurde ich in den Medien sehr lange als Kandidat gehandelt. Die Entscheidung ist dann auf Bischof Wilhelm Krautwaschl gefallen – eine sehr gute Entscheidung und somit war das für mich vorbei. Ich hatte allerdings die Möglichkeit, ein Jahr lang mit dem Bischof sehr nahe zusammenzuarbeiten, und habe so gelernt, wie eine Diözese tickt. Das war für mich eine wichtige Vorbereitung. Wirklich damit gerechnet, Bischof zu werden, habe ich aber eigentlich nicht mehr. Als ich dann erfahren habe, dass ich nach Innsbruck berufen werde, hat es mich am Anfang geschreckt, aber es hat sich rasch ein innerer Friede eingestellt – für mich ein Gradmesser, dass etwas auch passen wird.


Wie haben Sie die Entscheidung getroffen, Ihr Leben Gott zu widmen?
Ich verdanke sehr viel meinen Eltern und meiner Herkunft – einem Bauernhof in der Steiermark. Bei uns ist immer ein sehr einfacher, authentischer Glaube gelebt worden. Später in Graz kamen auch neue Aspekte hinzu, wie zum Beispiel Begegnungen mit verschiedenen Priestergestalten. Manche hatten sehr viele Schwierigkeiten, die ich als Kind sehr nah erlebte, wie Ängstlichkeit, Alkoholerkrankungen oder persönliche Probleme. Es waren also keine perfekten Priestergestalten, die mich animierten. Für mich heißt Priester werden, gebraucht zu werden, für die Gesellschaft und von Gott. Das verdichtete sich im Laufe der Jugendzeit und wurde für mich zur Berufung. Ich hatte also kein „esoterisches“ Erlebnis, keine Stimme vom Himmel, es ist so gewachsen. Das möchte ich auch jungen Leuten mitgeben: Man braucht kein besonderes  Berufungserlebnis, sondern es geht oft viel natürlicher: Das Wesentliche in unserem Leben ist das Einfache. Erfahrungen verdichten sich und man lernt eine Überzeugung kennen und wächst hinein.

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Was entgegen Sie Skeptikern?
Nicht entgegnen, sondern versuchen sich gegenseitig neugierig zu machen, sich gegenseitig zur Frage zu werden. Gelingt das, ist schon viel passiert. Menschen, die sich als Agnostiker oder Atheisten bezeichnen, sind für uns auch eine Hilfe – dass wir nicht vergessen, wir haben den Glauben nicht gepachtet, sind nicht Besitzer des Glaubens und schon gar nicht Gottes Besitzer. Wir sind beschenkt und haben etwas entdeckt, aber wir haben Gott nicht in der Tasche. Das gibt Bescheidenheit und Respekt, was uns gut ansteht als Gläubige.

In den letzten Jahren gab es viele Austritte aus der Kirche. Woran liegt das?
Die Bereitschaft, vieles zu glauben, wächst, weil wir uns durch diese unglaublich vielen Informationen, die wir dauernd zur Verfügung haben, permanent überfordert fühlen. Man kann riesige Bibliotheken schnell aufmachen, hat aber nicht die Zeit zu verweilen – das ist schwierig. Spiritualität heißt Unterbrechung, auch den Stress zu unterbrechen, dass man alles wissen und konsumieren muss, überall dabei sein muss. Wir sollten bewusst Dinge versäumen und andere wählen.  
Ich glaube, dass viele Menschen auf der Suche sind und der nächste Schritt ist wahrzunehmen, dass Gott ein Herz hat für diese Menschen. Deshalb bin ich auch sehr froh, in Tirol gelandet zu sein mit seiner Herz-Jesu-Frömmigkeit, die natürlich auch eine Wahnsinns-Aura von Kitsch und nationaler sowie folkloristischer Überstrapazierung haben kann. Im Wesentlichen geht es jedoch darum: Gott  hat sein Herz gezeigt und Jesus ist dieses Herz Gottes, der Herzschlag Gottes. Glauben heißt, in diese persönliche Beziehung einzutreten und das eigene Herz verwundbar zu machen. Herz-Jesu-Frömmigkeit gehört auch zu mir, aber ich glaube – und in diese Richtung ist schon viel passiert –, wir müssen das zeitgenössischer ausbuchstabieren.    


Heutzutage sind auch viele Menschen auf der Suche. Wie groß ist die Gefahr, eine falsche Richutung einzuschlagen?  
Viele, auch junge Menschen, kommen aus Familien, in denen es ein Aufmerksamkeitsdefizit gibt, der Identitätshunger wurde nicht gestillt. Dann wird Ihnen eine Form für einen Weltentwurf angeboten, eine Art zu denken,  die ganz streng ist. Und irgendwann wagen sie den Sprung und sagen, das trägt mich jetzt, das festigt mich.  Sie bekommen so Identität auch durch Abgrenzung.

 

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Wie kann man das verhindern?
Es ist mir ein Herzensanliegen, der Jugend wieder Raum zu öffnen in der Kirche. Es gibt bereits viele Initiativen und wenn ich dies unterstützen darf und wir so erreichen, dass die Jugend wieder mehr in den Kirchen vertreten ist, würde mich das sehr freuen. Ich möchte, dass sie mehr Lärm machen, uns herausfordern und ihrer Sehnsucht Raum geben, in den Gottesdiensten wirklich ernsthaft vorkommen, dass sie Jesus suchen, sich trauen auch die Gestalt Jesus als Modell zu sehen. Es ist heute oft so, als ob man sich schämen müsste, den Namen Jesus in den Mund zu nehmen, obwohl er ja die wichtigste Figur in der Menschheitsgeschichte ist. Da bist du schon in Verdacht, zu frömmeln, wenn du ein Wort des Glaubens sprichst oder von Jesus redest. In der Schule geht es den Jugendlichen manchmal so, dass sie out sind – nur weil sie zugeben, dass sie lange Zeit ministrierten und dass ihnen taugt, was der Pfarrer macht. Diese Ängstlichkeit, ein katholisches Profil zu zeigen, sollten wir wieder ablegen.


Was kann man hier konkret tun?
In einem Kindergarten, egal ob städtisch oder kirchlich geführt, sollen die Religionen, die vertreten sind, die Möglichkeit haben, das auch zu zeigen. Die Kinder sollen Freude haben an ihrem Glauben. Das ist auch keine Fantasie, wir haben das mit drei Kindergärten durchexerziert. Jeder, auch die muslimischen Kinder, hatten die Möglichkeit, ihren Glauben und ihre Feste zu erklären, die Mütter haben Süßigkeiten mitgebracht. Im gesellschaftlichen Diskurs vom Kindergarten über die Universität bis hin zum Erwachsenendasein geht es nicht um den kleinsten gemeinsamen Nenner, sondern darum, Religion zu kultivieren, anschlussfähig für den anderen. Nicht in einer übertriebenen und besitzergreifenden Form, sondern den Glauben als Einladung vorstellen. Das beginnt im Kindergarten, kindgemäß – immer mit der Freiheit, wählen zu können. Wenn sie nie aus eigenem Willen entscheiden können, werden sie sich mit Aggression verabschieden.


Durch aktuelle weltpolitische Entwicklungen leben in Tirol immer mehr verschiedenen Kulturen und Religionen. Gilt hier Ähnliches?
Wichtig ist, dass wir allen die Chance und natürlich auch den nötigen Raum geben, ihre Religion in Freiheit auszuüben. Durch Gastfreundlichkeit und durch ein normales, nachbarschaftliches Zusammenleben, bei dem niemand an den Rand gedrängt wird, nehmen wir den Andersgläubigen den Stress, sich ständig legitimieren zu müssen. Wir helfen damit den Muslimen, selbst zu unterscheiden, welches Gesicht des Islams sie denn vertreten und zeigen wollen. Es gibt unterschiedliche Richtungen und den politisierten, salafistischen Islam aus Saudi-Arabien - mit vielen Netzwerken bis Nordafrika und auch nach Europa - kann man mit Recht fürchten. Genau deshalb braucht es Dialog und Unterscheidung. Unsere Grundhaltung muss jedoch bleiben, dass jeder Mensch ein Recht und den Freiraum hat, seine Religion zu leben.

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