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People | 05.12.2017

Das Fräuleinwunder mit Sudelheft

Was vermeintlich adelig klingt, ist oft gar nicht so die feine Art. Ronja von Rönne durchbricht mit ihren Texten gerne ihr Fräuleinimage und überrascht dabei mit klaren Statements.

Bild AF_Von_Roenne_Ronja_Druck6.jpg
© Carolin Saage

Jung, provokativ und immer mit einer guten Prise Ironie versehen, das sind die Texte von Ronja von Rönne, einem der Shootingstars der jungen deutschen Literaturszene. Sie findet den passenden Wortwitz wie kaum eine zweite ihrer Generation und verpackt die oft tragischen Situationen der Gegenwart in leichte Vergnügen. Nicht nur vor der Bachmannpreis-Jury, sondern in Zukunft auch bei der ZEIT. Wir haben den Jungspund zum Interview gebeten.

TIROLERIN: Als eine der schärfsten Beobachterinnen der Zeit – so wirst du zumindest genannt: Was macht dir Sorgen?

Das ist so eine seltsame Bezeichnung, Beobachterin. Als würde ich den ganzen Tag creepy aus meinem Fenster schauen und mir denken „aha“. Ich glaube auch gar nicht, dass Schriftsteller so viel mehr beobachten als alle anderen, sie machen sich eben nur die Mühe, das ganze dann aufzuschreiben. Momentan macht mir  Ω unoriginellerweise Ω die Weltlage Sorge. Und falls man mal kurz vergisst, sich Sorgen zu machen: Einfach nur die letzten Trump-Tweets lesen, dann kommen sie schon wieder.

Was bezweckst du mit deinem Blog, dem Sudelheft?

Mein Blog ist eigentlich nur meine Spielwiese im literarischen Blog. Fingerübungen zum Mitlesen. Manchmal schreibe ich da ja auch zwei Monate gar nichts. Bezwecken tu ich damit wenig, ich freu mich, wenn die Texte Menschen unterhalten.

Beschreibe eine Szene, die dich zu einem Text inspiriert hat.

Ich glaube, das mit der Inspiration ist ein großes Missverständnis. Es gibt immer wieder Schriftsteller, die behaupten, sie müssten sich nur in die Badewanne legen oder einen Waldspaziergang unternehmen, um inspiriert zu sein. Das klappt bei mir leider nicht so gut. Meine größte Inspiration ist die Deadline, der Druck. Es gibt Hilfsmittel, natürlich. Eigentlich alles, was einem nicht nur die eigene Haltung bestätigt, sondern Widerstand erzeugt, Gespräche mit Menschen mit anderer Meinung, Museumsbesuche, Theater, Kneipen. Betrinken hilft leider nicht, egal was Hemingway und Bukowski behaupten.

Die meisten deiner Texte sind ja wohl Selbstspiegelungen. Verspürst du manchmal auch Lust, eine Figur oder einen Plot zu entwickeln, oder bleibst du lieber in „deiner“ Realität?

Ob das Selbstspiegelungen sind, kann doch überhaupt keiner wissen, der mich nicht sehr gut kennt, also so gut, dass er mit mir Weihnachten feiert. Ich schreibe gerne über diese meine Gegenwart, weil ich mich darin auskenne. Aber mich selbst finde ich eigentlich gar nicht so interessant. Das Ich aus den Texten ist nicht das Ich, das sonntags meine Oma anruft.

Ist es schwierig immer witzig zu sein?

Ich finde eigentlich alles ohne Druck schwieriger. Ich mag den Druck, man trainiert ja auch nirgendwo so gut Schlagfertigkeit wie auf Bühnen. Zuhause zu sitzen und zu überlegen, was Leser jetzt lustig finden könnten, ist schwieriger als bei Lesungen auf Publikum zu reagieren. Hoffe ich. Glaube ich. Vielleicht lachen da aber alle nur aus Höflichkeit. Oder Mitleid. Ohgott. Ohgottogottogott.

Gibt es soviel Ironie in Texten, weil wir der Ernsthaftigkeit überdrüssig sind?

Ernsthaftigkeit und Humor schließen einander doch nicht aus, sondern ergänzen sich. Über an sich schon lustige Themen lustig zu schreiben halte ich für Zeitverschwendung. Humor ist ein Werkzeug, eine innere Haltung, um die Ernsthaftigkeit und Tragik überhaupt erträglich zu machen.

Was war der schwierigste Auftrag, den du erfüllen musstest?

Definitiv der Roman. Und danach definitiv ein IKEA-Bett alleine aufzubauen.

Fühlst du dich inzwischen erwachsen genug für die ZEIT?

Ich habe ja davor schon zwei Jahre für die Welt am Sonntag geschrieben, ich schätze, da ist das Zielpublikum sogar noch viel älter als bei der Zeit. Der Druck ist auch weniger das Alter, sondern eher: Oh Hilfe, die ZEIT lesen meine Freunde ja sogar. Ich finde es immer unangenehmer, vor Menschen, die man liebt zu versagen, als vor einer anonymen Masse.

Wie findest du es, deine Texte vor Publikum zu lesen?

Großartig. Das Beste. Der Grund zu schreiben. Man sieht, wie Texte funktionieren (und welche überhaupt nicht funktionieren). Man weiß endlich mal, wie dieser unsichtbare Leser, den man sich beim Schreiben immer vorstellt, eigentlich aussieht. Ich liebe Lesungen. Vielleicht ein bisschen zu sehr, für dieses Jahr stehen nämlich noch ungefähr 25 an.

Fühlst du dich als Sprachrohr deiner Generation? Was macht diese Generation aus?

Nein, bitte nicht, überhaupt nicht, ich bin froh, wenn ich für mich selbst sprechen kann. Und diese Generation ist, glaube ich, eine, die durchaus ohne mich in der Lage ist, für sich zu sprechen.

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