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People | 05.10.2017

"Gute Kunst ist komplex"

Nina Tabassomi leitet seit nunmehr acht Monaten die Galerie im Taxispalais und hat die Institution umgekrempelt. Die heutige „TAXISPALAIS Kunsthalle Tirol“ eröffnet am 29. September die erste Ausstellung von Tabassomi in Innsbruck. Mit uns zieht die gebürtige Berlinerin erstmals Bilanz.

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© Martin Vandory

Ein frischer Wind weht seit Beginn des Jahres durch die (ehemalige) Galerie im Taxispalais, er weht aus nördlicher Richtung und ist auf Veränderung eingestellt: Nina Tabassomi, seit acht Monaten Direktorin der (inzwischen) Kunsthalle Tirol, will Kunst auf internationalem Niveau nach Innsbruck bringen. Und dabei Tirol nicht vergessen. Wir haben die Theaterwissenschaftlerin in den noch leeren Räumen des Taxispalais getroffen und dort über gute Kunst gesprochen, die bald in Innsbruck zu sehen sein wird, und über komplexe Kunst, die nur richtig vermittelt werden muss.

TIROLERIN: Wie entstand der Wunsch, als Kuratorin zu arbeiten?

Erst nachdem sich mein Weg dorthin schon angebahnt hatte – nach dem Studium und nachdem ich als kuratorische Assistentin gearbeitet habe –, wurde mir das bewusst. Lange Zeit vorher hatte mir eine Kommilitonin nach einer Präsentation von mir gesagt: „Du gehst bestimmt mal ins Museum, da werden deine Themen verhandelt und du würdest da gut hinpassen.“ Damals habe ich das lustigerweise als Beleidigung empfunden, da ich dachte, ich wolle ans Theater gehen.

Ihre letzten Stationen waren Kassel und dann New York. Wie war der Sprung nach Tirol?

Geschmeidig würde ich sagen. Ich mochte Innsbruck wirklich auf Anhieb, ich hatte sofort ein gutes Bauchgefühl und bin mit großem Enthusiasmus hergekommen. Ich mag Abwechslung und Kontraste. Bei den spannenden Aufgaben, die hier auf mich warteten und warten, blieb und bleibt auch keine Zeit, eine andere Stadt zu vermissen. Ich bin ganz hier. Außerdem wohne ich sehr nah am Inn, einer der schönsten Flüsse, die ich kenne. Der Inn verkörpert eine Energie, die es mit dem Rhythmus New Yorks allemal aufnehmen kann.

Wie haben Sie die Tiroler Kulturszene bis jetzt erlebt?

Ich bin nach wie vor angetan von der Dichte an Kulturorten und -veranstaltungen in dieser ansonsten überschaubaren Stadt. Man kann hier sehr gute Kunst sehen, Zeit mit spannenden Menschen verbringen, herausragende Festivals besuchen, internationales Kino im Originalton sehen. Die erste Phase des Verliebtseins neigt sich zwar dem Ende, aber die Arbeit an der Liebe, die dann beginnt, ist eh interessanter als ein rosarot eingefärbter Blick.

 

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© Martin Vandory

Wie schaffen Sie es, in Zukunft mehr Leute ins Taxispalais zu locken? Ist das überhaupt Aufgabe des Museums?

Ich finde es zentral, dass eine Institution für alle da ist. Und ich bin der festen Überzeugung, dass sich die meisten Menschen für die Auseinandersetzung mit unserer Gegenwart interessieren. Wir bieten an, das mittels der Kunst zu tun. Vermittlung spielt dabei eine große Rolle. Ich habe neue Formate eingeführt, wie „Unser Team führt“ oder regelmäßige Workshops, wo wir Fragestellungen, die sich aus den Ausstellungen ergeben, gemeinsam diskutieren und angehen, wo Studierende auf die ältere Generation treffen, Fachpublikum auf Nicht-Fachpublikum und wir uns gemeinsam austauschen. Das ist wichtig. Ich halte es allerdings für ein großes Problem, wenn Institutionen an den Besucherzahlen gemessen werden, wie das häufig passiert. Unser Auftrag ist, relevante Ausstellungen mit herausragender Kunst zu machen und die Besucher darauf aufmerksam zu machen. Anders herum sollte man nicht denken, denn das Potenzial von Ausstellungshäusern liegt darin begründet, dass man dort anders sehen, hören, fühlen und denken kann als im Lebensalltag. Deshalb glaube ich auch, dass kein Thema zu komplex ist, im Gegenteil: Gute Kunst ist komplex. Es ist gerade das Schöne an ihr, dass sie nicht einfach sein muss.

Wie schaffen Sie dabei noch den Konsens zwischen international und regional?

Das ist für mich kein Widerspruch. Es gibt eine sehr gute Kunstszene in und aus Tirol. Ich finde Nachwuchsförderung genauso wichtig, wie darüber nachzudenken, an welchem Ort man Ausstellungen konzipiert und realisiert. Zugleich halte ich einen zu protektionistischen Rahmen für kontraproduktiv. Im Taxispalais können sich alle regionalen Künstler darauf verlassen, dass ich sie zeige, weil ich ihre künstlerischen Strategien für bestechend und relevant halte, nicht weil sie an einem bestimmten Ort geboren wurden oder leben. Für die nächste Ausstellung habe ich regionale und nationale Positionen ebenso eingeladen wie internationale.

Was erwartet uns bei „Accentisms“?

Eine Ausstellung, die erfahrbar macht, dass gute Kunst etwas realisiert, das uns helfen könnte, auch unsere Sichtachse auf derzeitige Problematiken in der Lebenswelt anders auszurichten. Es geht um Akzente – Nuancen, Verschiebungen und Einfärbungen –, ohne die Kunst nicht auskommen würde. Im täglichen Leben sind wir aber oft geneigt, Akzente als Identitätsmarker von Herkunft wahrzunehmen und sie dann in unser System von Klischees und Wertungsmustern einzuschleusen. Akzent kommt im Lateinischen vom Wort „der Dazugesungene“, etwas sehr Poetisches und Komplexes, was sich diesen einfachen Kategorisierungen eigentlich widersetzt. Denken Sie an aktuelle Auseinandersetzungen mit Migration oder an die Dialekte der verschiedenen Bundesländer und ihre Zuschreibungen. Das greift alles viel zu kurz. Die Kunst macht hingegen die Vielschichtigkeit und das Bereichernde am Mehrklang erlebbar.

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