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People | 16.03.2017

Wissen, was man will

Helga Fritsch, Rektorin der Medizinischen Universität Innsbruck, erzählt im Gespräch mit der TIROLERIN, warum Frauen mehr netzwerken und weniger an sich selbst zweifeln sollten.

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© Martin Vandory

Sie stellt sich der Herausforderung. Helga Fritsch hat sich erneut für den Rektorsposten an der Medizinischen Universität Innsbruck beworben. „Vieles an der Medizinischen Universität befindet sich im Umbruch. Es braucht in dieser Situation Kontinuität und einen klaren Blick nach vorne“, so die Rektorin. Im Interview mit der TIROLERIN erklärt die Karrierefrau, warum Gegenwind kein Grund für Kapitulation ist und persönliche Rückzugsbereiche unverzichtbar sind.


TIROLERIN: Sie haben eine beeindruckende Karriere hingelegt. Gab es einen langfristigen Plan oder hat sich Ihre Laufbahn schlichtweg ergeben?
Helga Fritsch: Einen definitiven Karriereplan hat es nicht gegeben, aber es gab etliche Vorbilder. Nach meinem Medizinstudium habe ich mich für das theoretische Fach Anatomie entschieden, weil mir das Spaß gemacht hat. Dann hatte ich zwei super Chefs. Beide haben Karrieren von Frauen genauso gefördert wie von Männern. Das prägt einen und dieses Glück hat sicher nicht jede. Nach meiner Habilitation habe ich mich für einige Stellen gezielt beworben – auch in Innsbruck. Meine Affinität zu Tirol war immer schon groß, weil ich als Kind die Sommerferien hier verbracht habe.


War es eine schwierige Entscheidung, nach Innsbruck zu gehen?
Ja. Mein Mann und ich haben lange diskutiert, wie wir das machen, wenn ich alleine nach Innsbruck gehe. Die Entscheidung hat sicher ein Jahr gedauert und die Familie ziemlich beansprucht. Mein Mann ist in Deutschland geblieben. Meine Töchter waren damals drei und vier Jahre alt. Das war die größte Challenge in meinem Leben, alleine mit ihnen nach Tirol zu kommen. Eine enorme Herausforderung – auch was die Kinderbetreuung betrifft. Mein Mann, ebenfalls Mediziner und Wissenschafter, hat auch eine Professur. Wir haben uns gegenseitig unterstützt. Es war die richtige Entscheidung, diesen Weg zu gehen. Die Familie ist jetzt zwar sehr verstreut, aber immer noch glücklich.


Sie sind die erste Frau in der Position der Rektorin einer Medizinischen Universität in Österreich. Wie haben Sie sich in dieser Männerdomäne durchgesetzt?
Als ich hierhergekommen bin, war ich zunächst in der Anatomie und habe das Institut dort geleitet. Ich habe mich in den Gremien dieser Universität weiter nach vorne gearbeitet. Natürlich ist häufig Gegenwind zu spüren. Ich glaube, es ist wichtig, sich zu vernetzen. Nicht nur unter den Professoren, sondern auch mit jungen Leuten – über verschiedene Ebenen und Wege hinweg. Frauen unterschätzen das immer ein wenig. Ich glaube auch, dass es wichtig ist, sich selbst nicht ganz aufzugeben. Zu den eigenen Eigenschaften zu stehen und nicht zu meinen, man müsse in einer bestimmten Position alle Verhaltensweisen komplett auf den Kopf stellen. Man muss überlegen, woran man sich orientieren will. Ich glaube schon, dass ich sehr sachbezogen bin, aber auch manchmal etwas schnell entscheide, weil ich ein schnell denkender Mensch bin. Das führt dazu, dass ich schon mal vergesse, den ein oder anderen mitzunehmen. Es ist wichtig, dass man sich nicht ständig bewusst macht, dass man als Frau in der Position ist, sondern die Position einfach wahrnimmt. Bestimmte meiner Handlungsweisen sind aber sicherlich als weiblich zu bezeichnen. Insgesamt würde ich sagen, dass mein Einsatz immer sehr groß ist und ich Freude an dem habe, was ich tue, auch wenn es anstrengend ist.


Was hat Sie an dieser Position, die doch mit großen Herausforderungen verbunden ist, gereizt?
Ich denke schon, dass es eine spannende Aufgabe ist. Sicher keine, bei der man am Ende jedes Tages sagen kann, dass man als Gewinner hervorgegangen ist, aber man kann doch sehen, dass man Fortschritte macht und gemacht hat. Mir bereitet das Managen Freude. Das ist eine andere Ebene – und das kennenzulernen empfinde ich schon als wichtig und spannend.


Worauf sind Sie rückblickend in Hinblick auf die Medizinische Universität stolz?
Als Rektorin sind die Schritte, die man nach vorne macht, kleiner. Am meisten stolz bin ich auf die Zeit mit den vielen Studierenden hier in Innsbruck, von denen es unzählige gibt, die mittlerweile überall verstreut sind. Wenn man sie trifft und mit ihnen redet, merkt man,  dass man etwas prägt und seinen Stempel hinterlässt.


Was würden Sie jungen Frauen, die Karriere machen wollen, raten?
Vor allem, dass sie wissen, was sie wollen. Ich habe relativ spät meine Kinder bekommen, aber ich wusste, dass ich weiterarbeiten wollte. Dann habe ich mich darauf eingestellt und genau das gemacht. Man sollte nicht eine Entscheidung treffen und dann wieder zehn Schritte zurückgehen. Wichtig ist auch, dass man sich dafür, was man macht, das entsprechende Umfeld schafft – beruflich Unterstützung sucht und privat einen stabilen Halt hat. Ob das Freunde oder Familie sind, spielt weniger eine Rolle, aber man braucht diesen Rückzugsort. Es ist gerade in Zeiten der zunehmenden Arbeitsverdichtung wichtig, Ruhe und einen Ausgleich zu finden.


Sie haben die Wichtigkeit des Netzwerkens betont. Wie können Frauen darin besser werden?
Frauen haben Netzwerke. Dazu zählen auch Bekannte aus dem privaten Bereich – ganz egal, ob das Nachbarn oder andere Bekannte sind. Gerade in diesem Bereich fällt es leichter, Kontakt zu halten. Frauen müssen sich das bewusster machen und aktiver netzwerken. Ich glaube, wir tun es teilweise auch, aber wir nutzen es dann nicht. Im Sinne von: Dann frag mal den, ob der dir in dem Punkt weiterhelfen kann. Einfach anrufen und fragen. Für Männer ist das selbstverständlich.


Wie kann man gerade auch in der Medizin das Selbstbewusstsein der Frauen stärken?
Das hängt sicher sehr davon ab, um welchen Fachbereich es sich handelt. In der klinischen Medizin ist es schwieriger. Da gibt es immer noch Fachbereiche, wo sich die Frauen irgendwann zurückziehen, weil es ihnen insgesamt einfach zu anstrengend ist. Weil die Energie, sich zu behaupten, neben der Energie, die man für die Arbeit selbst benötigt, so ein Mehrfachenergiepaket bedeutet. Wir haben bereits viel gemacht für die Frauen – etwa Wiedereinstiegsprogramme geschaffen. Das ist sehr wichtig. Es bringt auch wenig, zu sagen: „Ich will jetzt das Unmögliche möglich machen und die allerbeste Chirurgin werden.“ Es ist womöglich besser, die allerbeste Radiologin zu werden, als sich auf einen Weg zu begeben, auf dem man zeitlich, physisch und Co. dauerhaft überfordert ist. Und meine Erfahrung ist, dass man auch eine gewisse Dickfelligkeit gegenüber der Reaktion aus dem männlichen Blickwinkel gewinnen sollte. Nicht immer gleich beleidigt sein.

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© Martin Vandory

Vorreiterin. Seit Oktober 2013 ist Helga Fritsch Rektorin der Medizinischen Universität Innsbruck und damit die erste Frau in dieser Position an einer Medizinischen Uni in Österreich.
Vor der Rektorenzeit. Fritsch kam 1998 nach Innsbruck und wurde am Institut für Anatomie, Histologie und Embryologie zur ordentlichen Universitätsprofessorin ernannt.
Rückhalt. Helga Fritsch ist verheiratet und hat zwei Töchter, die mittlerweile in Deutschland studieren.

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