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People | 19.07.2017

Jeder Zeit ihren Jedermann

Heuer wird es Tobias Moretti sein, der im Spiel um das Sterben des reichen Mannes am Salzburger Domplatz der Hofmannsthal’schen Figur Persönlichkeit und Aktualität einhauchen wird. Jedermann, der siebzehnte.

Bild Jedermann hires-Tobias_Moretti_c_Christian_Hartmann_02.jpg
© Christian Hartmann

Hotel Sacher, Wien. Tobias Moretti betritt den Marmorsaal. „Was, ‚Salon Mayerling‘ steht da auf der Tür – ich dachte schon, ich bin falsch –, das bedeutet ja nichts Gutes!“ Großer Applaus. Applaus für die Entscheidung des vielfach preisgekrönten Tiroler Schauspielers, sich nach dreifacher Anfrage seitens des Salzburger Festspiel-Präsidiums nun doch entschlossen zu haben, die Rolle des Jedermann anzunehmen. Damit schreibt Moretti sich in 90 Jahren „Jedermann“ in die Reihe der besten Bühnendarsteller des deutschen Sprachraums ein. Moretti empfindet seine Besetzung nicht als die viel zitierte „Adelung“, sondern vielmehr als Herausforderung, Aktualisierungen zu erarbeiten, ohne sich der Konvention und Tradition des Stückes zu widersetzen. Wir dürfen gespannt sein – freudig gespannt.

TIROLERIN: Tobias, Curd Jürgens gab den barocken Lebemann, Maximilian Schell den Renaissancefürsten, Peter Simonischek den Unersättlichen – wie werden Sie den Jedermann anlegen?

Tobias Moretti: Ich weiß es noch nicht, Gott sei Dank! Mir ist jetzt wichtig, dass man das Stück entrümpelt und aufbricht – auch in einer Inszenierung, die es schon gibt. Das ist scheinbar möglich und war auch die Bedingung. Die Regisseure Julian Crouch und Brian Mertes haben sogar gesagt, sie freuen sich darauf. Um die Figur zu entwickeln, brauche ich vorerst gewisse Säulen, die Architektur muss stimmen. Das Weitere wird sich in den Proben ergeben. Natürlich bringt man die eigene Persönlichkeit mit ein, doch es wird immer eine Form der Interpretation sein – und die kann sich nur aus der inhaltlichen Auseinandersetzung ergeben. Diese Diskrepanz, die im Stück ist, ist natürlich auch in der Figur des Jedermann. Vorher ein Verschleuderer, ein Partytiger, jemand, der stellvertretend ist für die Arroganz und den Inbegriff des Verschwendertums und auch der sozialen Nicht-Reflexion in seinen halb blasphemischen Deklamationen – und dann plötzlich der Bruch, diese Umkehr. An diese Umkehr glaube ich einfach nicht so! Ich glaube höchstens, dass es so etwas wie Erkenntnis geben kann, sofern weiß ich vieles nicht, aber ich weiß, dass ein Jedermann gradlinig mit einer Erkenntnis zusammen in den Himmel fahren muss – wenn es so etwas gibt – wie der Don Giovanni in die Hölle. Sonst hätte das Ganze keinen Sinn gehabt. Insofern ist es eine Applikation.

In einen katholischen Himmel?

Nein! Das gilt für alle Religionen. Die Glaubensfrage ist, dass sich der Mensch nicht selbst zum Entscheider  und zur Synapse der Weltgeschichte erhebt oder dessen, was in der Welt passiert. Mensch ist ja in diesem Fall auch „man“, denn nicht umsonst hat Hofmannsthal dieses mittelalterliche Vokabular gewählt, denn „Jederman“ war damals mit einem „N“ geschrieben und stand für „Mensch“, also auch für die Frau.

Weil wir gerade hier sind, im Salon Mayerling: „Mayerling“ steht dafür, dass Kronprinz Rudolf Mary Vetsera brauchte, damit sie gemeinsam mit ihm in den Tod geht – gleich dem Jedermann, dem sein Buhle folgen sollte ...

Ja, ganz recht, eine wunderschöne Parallele ...

Also hätte es doch etwas Tröstliches, diesen Gang nicht alleine antreten zu müssen?

Das kann schon sein, aber da hat man etwas nicht ganz kapiert. Wir bewerten diese Dinge immer mit irdischen Perspektiven und füllen diese Begriffe mit irdischen Instanzen. In Wirklichkeit geht es darum: Wenn man geht, dann geht man …

 

Bild Teufel Tobias 2005© Clärchen Baus-Mattar & Matthias Baus.jpg
Moretti als Teufel, 2005 © Clärchen Baus-Mattar & Matthias Baus

Haben Sie selber Angst vorm Sterben?

Nein – noch nicht. Das Schlimmste wäre die Ohnmacht, wenn ein Kind vor einem selber geht. Aber jeder Tod ist ein grausamer Tod. Ich glaube nicht an die Versöhnlichkeit des Todes. Es wird immer ein Aufbruch sein, es wird grausam sein. Aber es ist eine Sache, die komischerweise den meisten gelingt, es letztendlich sehr erwachsen zu tun. Mein Vater ist vor zwei Jahren mit 83 gestorben. Da war es genauso. Er war kein Mutiger, was das Sterben betrifft, aber dann, am Schluss, war alles anders – nämlich eine wirkliche Hinwendung auf das, was kommt.

Jedermann hat die Möglichkeit, über sein Leben zu reflektieren, sich auf den Tod vorzubereiten – nicht so jene Tausende, die derzeit auf der Flucht abrupt aus dem Leben gerissen werden ...

Reflexion ist immer wichtig und zwar nicht am Ende des Lebens, sondern währenddessen. Wir dürfen das nicht vereinfachend sehen, sondern immer im direkten Gegenüber. Da werden ja bei uns Dinge vermischt, die völlig absurd sind. Deswegen sind wir auch in der Situation, in der wir sind. Weil wir in unserer westlichen Kultur so dekadent geworden sind, dass wir uns kaum mehr definieren als das, was wir sind. Das ist eine Geisterbahn an Entwicklung, an Integrität und Geisteshaltung.

Sie haben sich Stefanie Reinsperger als Buhlschaft gewünscht. Warum?

Steffi ist eine wunderbare Schauspielerin. Eine, die in ihrer ganzen Radikalität, mit allem, was sie kann – und das ist viel bei ihr –, mit mir diese Rolle erarbeiten wird. Deshalb habe ich sie mir so gewünscht, ohne dabei an ein äußeres Resultat zu denken. Die Buhlschaft ist ja sowieso ein neuralgischer Punkt des Stückes – was soll denn das überhaupt sein, diese erotische Aura? Da muss es doch etwas anderes geben. Es kann nicht sein, dass die Sinnlichkeit der Ausdruck der Dekadenz des Jedermann ist! Dafür kommt er nicht in die Hölle – das wird oft missver-standen. Da muss man etwas Neues finden ...

Werden Sie mit der Familie den Sommer in Salzburg verbringen?

Am Anfang werde ich sicher alleine reintauchen müssen. Und wenn’s dann funktioniert, dann werden wir sehen. Ich hoffe sehr, dass es schön ist, denn wenn’s dauernd regnet, das kann einen ja auch depressiv machen ... (lacht)

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