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Lifestyle | 24.04.2017

Ein Leben im Zug

Redakteurin Barbara hat schon so einiges im Zug erlebt: und dazu geforscht.

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Foto: Shutterstock

Es ist Zeit, dass ich mich oute: Ich LIEBE das Zugfahren. Als gebürtige Südtirolerin kenne ich dieses öffentliche Verkehrsmittel genauestens, habe Stunden der Verspätung darin verlebt und bekomme nach wie vor beim Pfiff eines öffentlichen Zuges sofort heimatliche Gefühle. Diesen Ruf habe ich lange in mir aufgesogen, wie einst die Muttermilch, ich schätze jede Art des Schienenverkehrs und träume nachts meist doppelgleisig. Ich bin im Zugfahren so lächerlich erfahren, dass ich die Ansagen am Bahnsteig wie ein Gute-Nacht-Lied summe, bevor mich der stets vorgewärmte Sessel und das beständige Tuckern der Schienen sanft in den Schlaf wiegen. Naturwissenschaftliche Psychostudien, die ich seit meiner ersten Zugfahrt penibel genau betreibe, ergeben nach Jahren der intensiven Feldforschung erstaunliche Ergebnisse: Es hat sich – sehr eindeutig – eine Typologie von fünf Typen herausgebildet, welche den Lebensraum Zug, diesen Nährboden für feinste Nuancen des Wahnsinns, bewohnen. Hier, in freier Wildbahn, gehen sie ihren natürlichen Trieben nach. Die große Frage lautet nun: Welcher Gattung gehören Sie an? (Für die richtige Atmosphäre mimen Sie beim Weiterlesen des Textes eine klassische Universum-Stimme)

Der Esel. Der zur Gattung der studierenden Nichtverdiener Gehörende tritt ziemlich häufig in seinem gewohnten Umfeld auf. Seine Lebensaufgabe besteht darin, den anderen Passagieren, die sich in seiner unmittelbaren Futterzone, dem Beifahrersitz, niederlassen, die Welt zu erklären. Leicht zu erkennen an seinem strähnigen, graumeliertem Haupthaar, der alles überschallenden Stimme und der obwohl lauthals gewieherten falschen Aussprache von „Oregano“.

Das Schaf. Ebenfalls der Herde verpflichtet, ist jede Art der Annährung für das kontaktfreudige Tier bereits ein tiefer Freundschaftsbeweis. Unmittelbare Folgen sind absehbar: Bei direktem Augenkontakt blökt das Schaf seine Lebensgeschichte. Am liebsten laut und bis ins kleinste Detail.

Der Maulwurf. Dieser leise Mitfahrer ist gar nicht so leicht aufspürbar. Gut versteckt hinter Jacken und Koffern vergräbt sich das Tierchen fest in Büchern, Filmen und/oder dicken Kopfhörern. Ist in puncto Fragen oder eventuellen Hilfestellungen der absolut falsche Ansprechpartner. Zu erwartende Reaktionen: konsequentes Wegschauen und erfolgversprechendes Ignorieren.

Das Huhn. Die schreckhafte Kreatur meistert auch lange Fahrten spiellos, da es ständig anderen zuhört oder in fremden Zeitungen oder Laptops augenscheinlich hineinpickt. Es kräht stets, wie viele Haltestellen vor dem Ausstieg noch bevorstehen, und ist der beste Freund eines jeden Kontrolleurs. Sehr hilfreich bei der Fahnung nach und dem Verpetzen von etwaigen schwarzen Schafen.

Weiter geht die Fahrt. Aber keine Sorge, fahren Sie weiter Zug. Sind diese Prototypen des Zugfahrenden noch geradezu lieblich, nehmen sie sich vor den wahren Feinden einer ruhigen Zugreise in Acht: Kinder jeder Gattung. Seit meiner letzten Reise nach Graz zwei wissbegierige Schüler hinter mir in sechs Stunden lesen lernten, kann mich in diesem großen Biotop des Lebens nichts mehr schrecken. Ich tue einfach das, was ich immer tue: ein Maulwurf werden, umdrehen und das nächste Mal wieder mit dem Auto fahren.

 

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