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Lifestyle | 08.09.2017

Großer Bruder, kleine Schwester

Wie sich die Rolle in unserer Familie auf unser Leben auswirkt.

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Foto: Shutterstock

Wir lieben sie und wir hassen sie – manchmal sogar gleichzeitig. Die Beziehung zu unseren Geschwistern ist nicht nur die längste unseres Lebens, sondern manchmal auch die komplizierteste. Dass uns diese Zeit, in der wir mit unseren Geschwistern gemeinsam aufwachsen, für unser ganzes Leben prägen kann, ist also ganz logisch. Doch was macht es mit uns, wenn wir die große Schwester sind oder als kleiner Bruder den Platz als jüngstes Familienmitglied einnehmen?

Gemeinsam durch Höhen und Tiefen.
„Mit Geschwistern steht man im Vergleich zu den Eltern auf derselben Ebene. Hier erlebt man intensive Gefühle: Liebe, Zugewandtheit und Geborgenheit, aber gleichzeitig auch Rivalität, Konkurrenz und Neid“, weiß Karin Urban, Psychologin und Geschäftsführerin der Beratungsstelle Zentrum für Ehe- und Familienfragen in Innsbruck. All diese Gefühle, aber auch der Umstand, dass man mit seinen Geschwistern sehr viel Zeit verbringt, mehr Zeit als vergleichsweise mit Klassenkameraden, birgt einen Lerneffekt, der sich entscheidend auf unser ganzes Leben auswirken kann. Meinungsverschiedenheiten mit Bruder oder Schwester sind gerade in der Kindheit an der Tagesordnung, und es entstehen täglich große und kleine Konflikte, die es zu lösen gilt – so lernt man zu verzeihen und sich zu versöhnen, aber auch seinen Willen durchzusetzen und seinen Standpunkt zu verteidigen. „Bei Konflikten zwischen Eltern und Kind bestimmen, je nach Erziehungsmethode, meistens Mutter oder Vater. Unter Geschwistern kann man lernen, wie man Konflikte austrägt und ausredet sowie sich im Anschluss wieder versöhnt“, erklärt Urban. Zusätzlich lernt man mit Geschwistern seinen Platz in der Familie zu finden und seine Rolle auszuüben – eine Eigenschaft, die später immer wieder gebraucht wird – egal, ob es sich dabei um das Team in der Arbeit oder den Freundeskreis handelt. Durch die Interaktion mit Bruder und Schwester lernen wir, wie wir uns in einem sozialen Gefüge zurechtfinden. Außerdem können wir unseren älteren Bruder beobachten oder uns mit der kleinen Schwester messen und vergleichen und so wichtige Entscheidungen treffen: Will ich so ambitioniert sein wie mein Bruder oder könnte ich mir vorstellen, so unbeschwert wie meine Schwester durchs Leben zu gehen? Mit unseren Geschwistern steht uns schon von klein auf eine Bezugsperson zur Seite, die wir so gut kennen wie kaum jemand und die auch uns genauso gut kennt.   

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Für immer und ewig.
In Geschwisterbeziehungen geht es jedoch nicht nur um den Lerneffekt. Das Besondere an dieser Form der Beziehung ist auch, dass wir sie nicht selbst gewählt haben. So lernt manche Schwester oder mancher Bruder sich mit Menschen auseinanderzusetzen, mit denen man sonst vielleicht nicht in Berührung gekommen wäre. Dies zeigt, dass man sich auch mögen kann, wenn man unterschiedlich ist, andere Eigenschaften oder konträre Meinungen vertritt. „Während man sich von Freunden abwenden kann, ist es nicht möglich, sich von Geschwistern zu verabschieden. Das Bewusstsein, dass es eine Schwester oder einen Bruder gibt, bleibt bestehen“, weiß Urban und fügt hinzu: „Auch wenn man den Kontakt verloren hat, im Alter oder wenn die Eltern pflegeanfällig werden, finden Geschwister häufig wieder zusammen.“ Sich so enge Bezugs-
personen wie die Eltern zu teilen, ist ein unsichtbares Band, das verbindet – unser ganzes Leben lang. 

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Einzelkind

Wer keine Geschwister hat, muss seine Eltern nicht teilen – mit allen Vor- und  Nachteilen. Viele genießen es, im Mittelpunkt zu stehen, und wollen auch später stets, dass sich alles um sie dreht – dies kann sogar narzisstische Züge annehmen. Andere wiederum hadern mit sich, da sich die Erwartungen der Eltern auf sie alleine konzentrieren. Vielen Einzelkindern fällt auch die Loslösung von den Eltern schwer, weil diese ihr einziges Kind nicht gehen lassen wollen. Nichtsdestotrotz fehlt Einzelkindern der prägende Einfluss durch andere dank Kindergarten und Freunde nicht gänzlich.

 

Sandwichkind

Nicht der oder die Erstgeborene zu sein, aber auch nicht als Nesthäckchen um die Gunst der Eltern zu buhlen, kann eine besondere Herausforderung darstellen. So wird den mittleren Kindern oft nachgesagt, dass sie besser zurückstecken können. Schließlich sind sie es gewohnt, dass sie weder die „Führung“ der Geschwister übernehmen können noch den Bonus des jüngsten Kindes haben. Allerdings fühlen sich viele Sandwichkinder oft benachteiligt und haben das Gefühl, nicht gesehen zu werden. Eine Reaktion darauf kann sein, dass sich mittlere Kinder gern zurückziehen und bewusst die Stille suchen. Sind sich die Geschwister allerdings sehr ähnlich oder haben das gleiche Geschlecht, neigen gerade Sandwichkinder dazu, ausbrechen zu wollen, um sich von den anderen abzuheben und auch um gesehen zu werden. Häufig definieren sichdiese dann durch das „Anderssein“ und werden zum Rebell der Familie – ein Verhaltensmuster, das in Großfamilien auch beim kleinsten Kind auftreten kann.

 

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Nesthäckchen

Beim Nesthäckchen gibt es bereits ältere Kinder, die teilweise schon ihren Platz in der Familie gefunden haben. Als jüngstes Kind muss man sich so in ein bereits bestehendes System einfügen. Dadurch lernt man rasch – rascher als die älteren Geschwister –, wie Konflikte ausgetragen werden und welche unterschiedlichen Facetten es hier gibt. Es gilt, seine eigene Rolle und seinen eigenen Platz zu finden und sich trotzdem durchzusetzen – ein Grund, warum gerade viele jüngere Geschwister soziale Berufe erlernen oder sich sozial engagieren. Als Nesthäckchen beobachtet man auch sehr viel und ahmt die anderen nach, vor allem in Großfamilien, in denen die Eltern nicht mehr so viel Zeit für alle Kinder haben. Für Nesthäckchen bedeutet dies häufig, dass sie schon früh tun und lassen können, was sie wollen, allerdings spüren sie auch, dass sie weniger Aufmerksamkeit bekommen und können sich so unter Umständen immer wieder zurückgesetzt fühlen.

 

Einzelkind

Als erstes Kind hat man seine Eltern zumindest zu Beginn für sich allein. Wenn dann das Geschwisterchen auf der Bildfläche erscheint, fühlen sich die Großen oft wie „vom Thron gestoßen“. – ein Gefühl, das ein Leben lang bleiben kann.  Viele neigen dazu, rasch eifersüchtig zu werden, dies kann, wenn nicht entsprechend aufgearbeitet, als Erwachsener noch deutlich spürbar sein. Da Erstgeborene in ihrer Entwicklung schon weiter sind als ihre kleinen Geschwister, stehen sie automatisch den Eltern näher und identifizieren sich eher mit diesen. Sie sind es gewohnt, ähnlich wie die Eltern, den Ton anzugeben und lernen so spielerisch eine Führungsposition einzunehmen – eine Eigenschaft, die Ihnen später im Berufsleben zu Gute kommen kann. Sie sind es auch, die in Krisenzeit die Rolle der Mutter oder des Vaters übernehmen. So sind Erstgeborene oft schon in jungen Jahren extremem Druck ausgesetzt und haben das Gefühl, dass ihnen die typische Unbeschwertheit der Kindheit genommen wurde. Auch heute wird häufig noch vom Erstgeborenen erwartet, beruflich in die Fußstapfen des Vaters zu treten, den Betrieb zu übernehmen oder den selben Beruf zu erlernen – eine Erwartungshaltung, mit der viele Erstgeborene hadern.

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Karin Urban, Psychologin und Geschäftsführerin der Beratungsstelle Zentrum für Ehe- und Familien fragen sprach mit uns über das Thema Geschwister. (Foto: TIROLERIN/Venier)
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