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Lifestyle | 22.09.2017

Familienzuwachs

Kinder gelten als das wertvollste Geschenk. Was aber, wenn der Storch nicht kommt? Wir haben mit Univ.-Prof. Dr. Bettina Toth über eventuelle Gründe eines unerfüllten Kinderwunsches gesprochen.

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(© Shutterstock)

Nachhilfe beim Kinderwunsch in Anspruch zu nehmen, wird ein zunehmend größeres Thema in unserer Gesellschaft. Das versicherte uns Univ.-Prof. Dr. Bettina Toth, Direktorin der Universitätsklinik für gynäkologische Endokrinologie und Reproduktionsmedizin. Mit ihr haben wir über die möglichen Gründe ausbleibender Schwangerschaften, Behandlungsoptionen und Erfolgschancen gesprochen.

Tirolerin: Kinderwunsch ist ja bei vielen Paaren ein Thema. Was können wir tun, um die Chancen auf eine Schwangerschaft zu erhöhen?


Univ.-Prof. Dr. Bettina Toth: Ich finde es immer wieder spannend, wie viele Frauen sagen, sie hätten erst während der Zeit der Kinderwunschbehandlung ihren Zyklus richtig verstanden. Indem wir Patientinnen helfen zu begreifen, wie ihr Zyklus tatsächlich funktioniert und wie essentiell dieser hinsichtlich Schwangerschaft ist, können wir schon sehr früh die richtige Hilfestellung anbieten. Viele Frauen sind sich nicht sicher, zu welchem genauen Zeitpunkt sie ihren Eisprung haben. Gerade wenn man es auf eine Schwangerschaft anlegt, ist es extrem wichtig, seinen Körper richtig einschätzen zu können und zu kennen. Außerdem machen sich Paare oft selbst viel zu viel Druck und verlieren dadurch die Lust am Sex. Viele schlafen dann nur mehr an den Tagen des vermeintlichen Eisprungs miteinander. Ist das dann der falsche Zeitpunkt, sind die Chancen auf eine Schwangerschaft natürlich gering. Ein weiterer Faktor, der eine Schwangerschaft beeinflusst, ist ein normaler BMI-Wert. Die Grenze nach oben liegt hier bei 30 bis 32. Ein zu geringer BMI verringert die Schwangerschaftswahrscheinlichkeit  ebenso. Außerdem sollte man schon vor einer Schwangerschaft Folsäure einnehmen, und neueste Studien zeigen, dass ein angemessener Vitamin-D-Wert im Körper förderlich ist.  


Ab welchem Alter sinkt die Chance auf eine Schwangerschaft im Normalfall, und welche anderen Faktoren können die Chancen, schwanger zu werden, beeinflussen?


Das ist von Frau zu Frau unterschiedlich, da jede mit einer individuellen Anzahl an Eizellen auf die Welt kommt. Wir haben die meisten Eizellen, wenn wir uns im Mutterleib unserer eigenen Mutter befinden, also als Fötus. Diese Anzahl halbiert sich bis zur Geburt. Manche Menschen haben dadurch mehr Eizellen, wenn sie zur Welt kommen, andere weniger. Dementsprechend ist das Alter, in dem Frauen in die Wechseljahre kommen, sehr individuell. Grundsätzlich lässt sich aber sagen, dass ab 35 Jahren die Wahrscheinlichkeit auf eine Schwangerschaft sinkt, wobei wir auch in diesem Alter große Erfolgsbilanzen erzielen. Ab 40 Jahren aufwärts wird es dann schwieriger, weil es hier zum einen das Problem gibt, dass man schwieriger schwanger wird, und zum anderen ein erhöhtes Risiko für Fehlbildungen beim Kind besteht. Andere Faktoren, die die Chancen auf eine Schwangerschaft vermindern können, sind Endometriose, also das Vorkommen von Gebärmutterschleimhaut außer-
halb der Gebärmutter, zu spät behandelte Geschlechtskrankheiten und Rauchen. 

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(© Shutterstock)

Stimmt es, dass Frauen, die lange Zeit die Pille nehmen, eine Zeit lang geringere Chancen auf eine Schwangerschaft haben?


Nein, das ist ein absoluter Trugschluss! Es ist tatsächlich so, dass die meisten Frauen innerhalb eines halben Jahres, nachdem sie die Pille absetzen, schwanger werden. Viele denken, sie sollten frühzeitig vor der Familiengründung damit aufhören, hormonell zu verhüten. In Wirklichkeit kann man natürlich sofort nach dem Absetzen des jeweiligen Mittels schwanger werden.

Wie lange sollte man versuchen, auf natürlichem Weg schwanger zu werden, beziehungsweise ab wann sollte man sich überlegen, medizinische Hilfe in Anspruch zu nehmen?

Ich sage immer, dass sich Frauen unter 35 Jahren ruhig zwölf Monate Zeit für den Versuch, schwanger zu werden, nehmen können. Danach sollte man es meiner Meinung nach nicht zwingend länger als ein halbes Jahr versuchen, bevor man sich in einem Kinderwunschzentrum professionell beraten lässt.  Ab einem gewissen Alter kämpft man hinsichtlich Familiengründung ein bisschen gegen die Zeit, immerhin möchten manche Paare gerne zwei oder mehr Kinder.


Welche Rolle spielt die Psyche beim Versuch, schwanger zu werden?


Ich glaube, dass sowohl Einzelpersonen als auch Beziehungen durch einen unerfüllten Kinderwunsch stark belastet werden können. Deshalb ist es für die Betroffenen oft auch sehr befreiend, ihre Sorgen mit jemandem zu teilen und durch den Besuch einer Kinderwunschabteilung zu merken, dass sie mit ihrem Problem nicht allein sind. Oft muss aus medizinischer Hinsicht gar nicht viel getan werden. Die meisten Frauen werden nach einem Besuch bei uns auch ohne künstliche Befruchtung schwanger, indem wir uns gemeinsam genauer mit ihren individuellen Zyklen auseinandersetzen. Die Ängste der Betroffenen, Hilfe aufzusuchen, sind also großteils unbegründet.

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(© Shutterstock)

Kann die Tendenz, ärztliche Hilfe bei ausbleibender Schwangerschaft in Anspruch zu nehmen, als ein wachsender Trend angesehen werden?

Ja, das beobachten wir. Ich glaube, dass das Thema mittlerweile auch ein Stück gesellschaftstauglicher geworden ist. Die Paare tau-schen sich im Freundes- und Bekanntenkreis mehr über Probleme mit dem Schwangerwerden aus und enttabuisieren das Thema so. Ich habe schon miterlebt, dass Patientinnen starke Hemmungen hatten, meine Sprechstunde zu besuchen, weil sie beispielsweise aus religiösen Familien kamen und deshalb  mit dem Thema nur schwer umgehen konnten. Mittlerweile bemerkt man insgesamt eine Änderung. Medizinische Hilfestellung bei Kinderlosigkeit wird als normaler angesehen, auch wenn das im Extremfall eine künstliche Befruchtung bedeutet.

Welche Optionen gibt es für Paare, die ein Kind bekommen möchten, es aber nicht auf natürlichem Weg schaffen?


Wir versuchen in erster Linie eine am natürlichen Weg orientierte Schwangerschaft hervorzurufen. Oft genügt es, die Spermien aufzubereiten, indem wir die  „Schwimmer“ in die Gebärmutter einsetzen und den Weg zur Eizelle damit verkürzen. Nur wenn wirklich ein gravierendes Problem vorliegt, wird im natürlichen Zyklus oder hormonell stimuliert die Eizelle gewonnen, befruchtet und anschließend der Embryo zurückgegeben.

Wie hoch sind die Erfolgschancen einer medizinisch unterstützten Kinderwunschbehandlung?


Das ist wiederum altersabhängig. Wir haben sehr, sehr gute Erfolgschancen, die zwischen 40–50 Prozent liegen. Aber natürlich sinkt dieser Schnitt bei Patienten ab 45 Jahren. Es ist also nach wie vor so, dass das Alter einen großen Faktor hinsichtlich Schwangerschaft darstellt.

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