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Lifestyle | 03.10.2017

Am Fuß des Himmels

Paragleiten, Radfahren, Fallschirmspringen – und jetzt? Bei der vierten TIROLERIN-Challenge lag uns die Welt zu Füßen. Ziel: der höchste Berg des Stubaitals, das Zuckerhütl. An unsere Grenzen gegangen sind wir diesmal aber nicht allein. Vier unserer Leser haben uns auf dem Weg zum Gipfel begleitet.

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So, nochmal alles durchgehen. Wasser, Traubenzucker, Wechselkleidung, Geld. Fehlt noch was? Müsste passen! Also, los geht’s. Rucksack auf die Schultern und raus aus der Wohnung. In zehn Minuten werde ich im Stadtzentrum abgeholt. Johannes Horvath und Maria Schaber, zwei selbsternannte Bergfexen und Teilnehmer der allerersten TIROLERIN-Leser-Challenge, nehmen mich mit ins Stubaital. Um genau  halb vier treffen wir uns bei der Gletscherbahn. Ich blicke auf die Uhr. Wir sind gut in der Zeit. Noch. In der Stadt angekommen, bemerke ich, dass ungewöhnlich viel Verkehr ist. Überall Stau, kein gutes Zeichen. Als ich zu Johannes und Maria ins Auto steige, läuft gerade die Verkehrsmeldung: Ötztalmarathon, Innsbruck gesperrt, hohe Wartezeit. Großartig! Damit hatte keiner von uns gerechnet. Zu spät kommen ist keine Option, wir müssen die letzte Gondel schaffen. Nervös greife ich zum Handy und durchforste meine Kontakte nach dem Namen Sepp Rettenbacher. Ich drücke zögerlich die Anruftaste. Unser Bergführer wird nicht erfreut sein, wenn ich ihm sage, dass wir es wohl nicht pünktlich schaffen werden. Wer hätte gedacht, dass uns das Verkehrschaos von Innsbruck bereits vor eine erste Challenge stellen würde!

Ab ins Stubai. Endlich sind wir auf der Autobahn. Ich tippe eine schnelle SMS an meine Arbeitskollegin Rabea Siller. Sie und die anderen Teilnehmer sind bereits vor Ort. Mit Sepp sind wir insgesamt sieben Personen, die sich der Herausforderung Zuckerhütl stellen möchten. Der Weg ins Stubai zieht sich. Wir sollten eigentlich schon längst in einer Gondel Richtung Gletscher sitzen. Wenn wir nicht bis zur letzten Bergfahrt vor Ort sind, fällt alles ins Wasser. Vom Tal auf den Gipfel zu gehen ist unmöglich. Nicht um diese Uhrzeit, nicht mit unserem Team. Schließlich tut sich nach einer langen Geraden die Bergstation vor uns auf. Mit mulmigem Gefühl steigen wir aus. Rabea umarmt mich mit einem breiten Grinsen und ich stelle mich den beiden anderen Leser-Challenge-Teilnehmern, Irene Verboon und Christian Fritzer, vor. Sepp, der als Erster da war, begrüßt uns mit einem festen Händedruck. „Ihr habt Glück, die Jungs machen heute Überstunden für euch.“ Überstunden für uns? Ich bin erleichtert. Andreas Kleinlercher, Betriebsleiter der Stubaier Gletscherbahn, hat veranlasst, dass sein Team auf uns wartet. Bis zum Schaufeljoch können wir also mit Lift und Gondel fahren. „Gott sei Dank“, denke ich nur.

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Der Berg ruft. Am Schaufeljoch angekommen, geht es endlich los. Teleskopstöcke ausfahren, bitte: Wir starten! Schon jetzt ist die Landschaft atemberaubend. Man merkt der Gruppe die Vorfreude auf die Tour an. Die Stimmung ist ausgelassen, es wird viel gelacht. Wenn das so weiter geht ... Nach einigen Minuten erreichen wir eine Art Plattform. Sepp bleibt stehen und erklärt uns die Umgebung. Man merkt, dass das Bergsteigen seine Leidenschaft ist. Egal ob Gipfel, Spitze, oder Tal – er kennt sie alle. In Reih und Glied folgen wir ihm weiter über einen kleinen Steig, umgeben von einer unvergesslichen Bergkulisse. Schließlich biegen wir um eine Kurve und vor uns erstreckt sich die Hildesheimer Hütte. Klein, urig, in perfekter Lage haben wir unser Lager für die Nacht schon nach 30 Minuten Gehzeit erreicht. Das ging ja schnell. Egal, morgen bekommen wir dann noch mehr als genug Bewegung. Hüttenwirtin Elfriede begrüßt uns mit einem freundlichen Lächeln und einer Runde Schnaps. Das kann ja heiter werden! Gustl, der Wirt, legt die typische Ötztaler Gelassenheit an den Tag. Sympathisch.  Wir genießen die letzten Sonnenstrahlen auf der Terrasse, bis wir schließlich zum Essen gerufen werden. Es gibt ein dreigängiges Menü: Fritattensuppe und Rindsgulasch, gekrönt von Buchteln mit Vanillesauce als Abschluss. Wahnsinnig lecker! Gustl erzählt uns von seiner Philosophie. Auf der Hütte wird immer frisch gekocht, oft mit Lammfleisch aus eigener Haltung oder Salat aus Omas Garten. Das schmeckt man. Nach dem Essen stoßen wir mit unserem Gastgeber auf den Abend an. Die Zirbenholzstube, in der wir uns befinden, ist urig und gemütlich, die Stimmung ausgelassen. Später schließen sich die Wirtsleute unserer Runde an. Eine Gitarre wird ausgepackt, es wird gespielt, gesungen, gejodelt, getrunken. Der Gedanke an den morgigen Aufstieg kann warten. Vorerst. Wir genießen den Moment und die lauschige Stube der Hildesheimer Hütte. So ließe es sich leben.

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Challenge accepted. Ich höre Sepp, wie er ins Zimmer kommt und damit beginnt, jeden von uns behutsam aufzuwecken. „Raus jetzt, es gibt Frühstück.“ Rabea und Christian sind bereits aus dem Bett gestiegen, Irene und Maria sogar schon angezogen. Ich gähne. Keiner von uns hat viel geschlafen. Mit einem Kater auf den Gipfel. Gratulation. Nach einer ausgiebigen Stärkung verabschieden wir uns von unseren Gastgebern. Es ist halb sieben Uhr morgens, keine unchristliche Zeit, aber immer noch recht früh. Die Stimmung ist trotzdem ausgelassen. Wir ziehen uns unsere Klettergurte an und machen uns auf den Weg. Nach einem kurzen Ab- und Aufstieg erreichen wir den Eingang zur ersten Gletscherpassage. Wir versuchen es zuerst ohne Steigeisen, wenn es nicht mehr anders geht, ziehen wir sie an.“ Alle Blicke sind gespannt auf Sepp gerichtet. Wie immer geht er voraus. Wir setzen erste vorsichtige Schritte aufs Eis. Rutschig, aber begehbar. Langsam, aber mit jedem Meter sicherer auf den Beinen geht es von nun an nur mehr bergauf. Als wir den höchsten sichtbaren Punkt der Gletscherpassage erreichen, wird uns ein unvergessliches Bild geboten. Eis. Überall Eis. Und dahinter? Eine endlos scheinende Aneinanderreihung von Gebirgszügen: das Stubaital. Was für ein Panorama! Sepp gibt uns noch einmal ein paar letzte Einweisungen, bevor wir den nächsten Teil des Gletschers, der uns zum Zuckerhütl führen wird, überqueren. Mit einem Seil bindet er Mann für Mann aneinander. Sicherheitsgründe. Schon nach kurzer Zeit queren wir die ersten Gletscherspalten, die sich unter unseren Füßen bedrohlich in tiefes Schwarz bohren. In der Gruppe macht sich ein mulmiges Gefühl breit. Sepp versichert uns, dass er schon gut auf uns aufpassen würde. Wir glauben ihm. Jeder Schritt wird konzentriert gesetzt, sodass die Zeit wie im Flug vergeht. Schon bald sehen wir unser Ziel in der Ferne aus dem Gletscher ragen. Ein imposanter Riese aus Stein und Geröll, den es zu erklimmen gilt. Am Fuße des Monsters angekommen, fühlt sich die Gruppe bestärkt. Bis jetzt ist alles reibungslos verlaufen. So kann es weitergehen. Meter für Meter klettern wir höher auf den Fels. Wir kommen gut voran. Ich bin stolz auf unsere Gruppe. Keiner macht Anstalten oder beschwert sich. Schließlich höre ich Sepp an der Spitze des Zugs lachen. „Noch ein paar Schritte, dann haben wir’s!“ Er übertreibt nicht. Nach nur wenigen Metern biegen wir um einen Vorsprung. Vor uns: das Gipfelkreuz. Ich drehe mich zum Rest der Gruppe um. Breites Strahlen auf den Gesichtern: Was für ein Gefühl. Für einen Moment ist jeder still. Der Augenblick hat etwas Unvergessliches an sich – wir genießen ihn. Von der Seite weist uns Sepps Stimme an, uns um das Gipfelkreuz aufzustellen. Beweisfotos. Sonst glaubt uns das niemand. Erleichtert setzen wir uns auf die schroffen Felsplatten zu unseren Füßen. Die Luft ist dünn und doch habe ich selten das Gefühl gehabt, so frei atmen zu können. Im 360-Grad-Winkel bietet sich uns die Schönheit Tirols. Ein Riesenrundgemälde der besonderen Art. Ich bin glücklich. Den anderen geht es gleich, da bin ich mir sicher. Ein grandioser Bergführer, eine Gruppe, die ab Sekunde eins eine hervorragende Dynamik hatte, ein Naturschauspiel, das es als Tiroler zumindest ein Mal in dieser Art zu sehen gilt. Zuckerhütl, wir haben dich erklommen. Sei bereit, denn am Ende ist sich unsere Gruppe einer Devise sicher: Man sieht sich immer zwei Mal im Leben!

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