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Gernot SchreierBlog über Frauen, Männer und ihre alltäglichen Herausforderungen

Gernot Schreier | 04.10.2017

I`m on my way

Wo verläuft unser Weg?

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© Shutterstock

Diese Textzeile aus Ed Sheerans Lied „Castle on the hill,“ und der gesamte Text dieses Liedes spiegelt die unheimliche Sehnsucht der Menschen nach bekannten Abläufen und die Furcht vor Neuem wieder. Ed Sheeran trifft hier das Gefühl unserer Zeit auf den Punkt. Er singt in diesem Lied, dass er oft an vergangene Zeiten zurückdenkt und sich dieses Gefühl wieder herholen möchte, dass er z.B. bei seinem ersten Kuss hatte, obwohl er sich sicher ist, damals Alles falsch gemacht zu haben.

Haben wir diese Sehnsucht nicht Alle? Ich denke oft an meine sehr unbeschwerte Kindheit zurück. Mir ist es diese Woche aufgefallen. Da postete einer etwas über die sogenannte Bonanza Räder und wie schön es gewesen wäre, wenn er so eines besessen hätte. Ich hatte eines, aber ganz ehrlich es war furchtbar. Die Schaltung funktionierte nie richtig, auf einen Berg kam man gar nie hoch und es hatte noch andere Nachteile. Aber, wie gesagt, ich hatte eines und wurde letzte Woche noch dafür beneidet. Ist das nicht oft so, wir hätten etwas gerne und kommen drauf, dass es doch nicht so toll ist, dass es vielleicht sogar Nachteile hat? Wenn wir das dann erkannt haben sehnen wir uns wieder nach der „guten, alten Zeit“ zurück. Da kommen dann Sager wie: „Mein damaliger Freund war gar nicht so schlimm und mir würde es heute gut gehen bei Ihm.“ Dass er einen nach Strich und Faden betrogen hat, hat man vergessen.

 

Ein Beispiel aus der Praxis:

Ein Mann kam zu mir und beklagte, dass seine Frau keine Zeit für ihn hätte. Ich sollte da etwas unternehmen, damit es ihm wieder besser ging. Im Zuge der Beratung kam ich drauf, dass er ein sehr gut gebuchter Unternehmensberater war und seine Frau, in jungen Jahren, den Haushalt schupfte. Nun sei er in Pension, die Kinder sind aus dem Haus und seine Frau machte eine Ausbildung zur Buchhalterin. Sie wurde selbständig und hatte recht guten Erfolg, was natürlich zur Folge hatte, dass sie immer wieder Besprechungen hatte und auch sonst recht eingespannt war. Sie hatte einfach nicht mehr die Zeit sich um seine Dinge mit zu kümmern, wie sie es früher machte. Er musste sich schon auch mal selbst das Abendessen richten und vielleicht auch einmal allein vor dem Fernsehre sitzen, so wie es früher seiner Frau ergangen war.

Er tat das worüber Ed Sheeran singt, er schwelgte in alten Erinnerungen und wie schön diese Zeit doch war. Irgendwie vergaß er, dass er seiner Frau immer gesagt hatte, sie solle aus ihren Talenten doch mehr machen. Er suhlte sich im Selbstmitleid. Irgendwie wurde sein Wunsch doch wahr? Sie machte etwas aus sich und hatte den gewünschten Erfolg dabei. Oder war der nicht gewünscht?

 

Was passierte da aus psychosozialer Sicht?

 Die Frau meines Klienten sah ihre Aufgabe in jungen Jahren darin, ihm das Leben so angenehm wie möglich zu machen, Sie war immer für ihn und die beiden Söhne da. Sie schupfte den Haushalt, führte die Jungs zum Sport und holte sie dort ab. Sie war zuständig für die kleinen und großen Wehwehchen der drei „Männer“. Was bekam sie dafür? Die Aufforderung etwas aus sich zu machen. Als sie das dann tat hatte sie etwas weniger Zeit, weil ihr Beruf sie forderte und auch ausfüllte. Aber da war ja noch etwas? Da war ein Partner, der plötzlich das Gefühl hatte allein gelassen zu werden. Der sich nach alten Zeiten zurück sehnte anstatt die Chancen zu sehen, die diese neue Situation brachten. Als wir herausgearbeitet hatten, dass er ja dadurch vielleicht auch einmal stolz auf seine Frau sein könnte, so wie sie es während seiner Berufstätigkeit war, löste sich der Knoten langsam. Er erkannte, dass es sogar Spaß machen kann sein Essen selbst zu kochen und dass es auch nett sein kann als Opa, der er ja inzwischen war, allein mit seinen Enkeln etwas zu unternehmen.

Er erkannte, dass das Leben das ist, was man daraus macht und dass „Alte Zeiten“ eben nur das sind, was die Worte beschreiben: „Alte Zeiten“. Der Textzeile: „I’m on my way“, bekam für ihn eine komplett neue Bedeutung. Er war auf SEINEM WEG angekommen.

 

 

 

Erklärung:

Alle Veröffentlichungen sind, aufgrund des besonderen Vertrauensverhältnisses zwischen Berater und Klienten, mit den handelnden Personen abgesprochen und von Ihnen freigegeben.

Des Weiteren sind Orte, Alter und Daten, die ein Erkennen der Personen ermöglichen würden, verfälscht.

 

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